Urgewalten bestaunen

Island extrem – Eisbad und Vulkanausbruch

10. Januar 2022
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14 Min.
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Kategorien: Alle | Island | Publikationen
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Der Vulkan bricht aus in einer Zeitlupensymphonie aus geschmolzener Lava (Foto von Timm Chapman).
Vulkanausbruch! Eines der faszinierendsten Schauspiele der Natur. Erstmals war es uns vergönnt, spuckende Lava live zu beobachten. Die größte Vulkaninsel der Welt hat uns aber noch mehr geboten: Kältetraining, Gletscherwanderung und Eishöhlenbesuch.

Erschienen in:

Deutschlands größtes Naturreise-Magazin
Titelstory | 14 Seiten | Text & Fotos

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Island extrem: Eisbad und Vulkanausbruch

Er sah schlecht aus. Mitgenommen. Christian hatte mächtig Stress mit seiner Freundin. Er steckte mitten in einem Burnout, weswegen er krankgeschrieben war. „Du brauchst dringend einen Tapetenwechsel. Willst Du mit mir nach Island?“ fragte ich ihn. Sein Gesicht hellte sich auf. Zwei Wochen später trafen wir uns am Flughafen Kevlavik im Südwesten der Insel.

Nur 30 km entfernt brach Ende März der Vulkan Fagradalsfjall aus, nach über 800 Jahren. Weder Christian noch ich haben je einen aktiven Vulkan gesehen, daher wollen wir jetzt die Chance nutzen. Ich habe aber noch ein Ziel: In einer Eislagune schwimmen. Aber mit Trainingslager vorweg.

Unsere Hände ruhen in einer Schale voll Eiswasser. „Konzentriert euch ganz auf euren Atem.“

Christian jagt unseren Mietwagen über den nassen Asphalt. Östlich von Grindavik, an der Suðurstrandarvegur, der Küstenstraße Nr. 427, parken wir und laufen los in Richtung Vulkan. Nach einer Dreiviertelstunde Marsch durch eine karge Landschafterblicken wir ein dunkelgraues, leicht dampfendes Lavafeld. Schwefel steigt in unsere Nasen.

Eis fit? Ja, Eis klar! Ab in die Würfel für drei Minuten (Foto von Frank Nieuwenhuis).

Einer der wenigen Besucher teilt uns mit, dass wir auf einen Bergrücken aufsteigen müssen, um in den Krater zu blicken, aber das lohnt sich jetzt nicht, denn die Sicht sei zu schlecht. Enttäuscht ziehen wir ab.

Du, die Wanne ist voll… Eis

Christian und ich knien mit geschlossenen Augen auf einer Matte in Andris Studio. Unsere Hände ruhen in einer Schale voll Eiswasser. „Konzentriert euch ganz auf euren Atem. Bleibt fokussiert. Das, was ihr spürt ist nur ein Kälteimpuls, lasst euch davon nicht überrennen.“ Unmöglich, den Kälteschrei der Hände zu ignorieren. Ich lenke meine Aufmerksamkeit auf meinen Atemrhythmus und spreche gedanklich ‚Ein, aus, ein, aus …‘

Ich steige in die Wanne mit zehn Grad Wassertemperatur, nehme die unangenehme Wasserkälte wahr, unterdrücke den aufsteigenden Fluchtreflex und lege mich nieder.

Dann weist Andri uns an in Panik zu verfallen: „Augen auf. Schaut auf eure Hände. Jetzt dürft ihr jammern, was das Zeug hält. Regt euch richtig auf! Über die Kälte, den Quatsch, den ihr hier macht!“ Die Schimpfkanonade nimmt ihren Lauf. Nach wenigen Augenblicken schmerzen meine Hände noch mehr. Unglaublich, wenn ich es nicht selbst erleben würde.

Andri zeigt mir eine spezielle Atemtechnik, mit der ich mich rasch aufwärmen kann – als nur auf die Wirkung meiner Kleidung zu vertrauen (Foto von Frank Nieuwenhuis). Mehr zu Andri und seinen Workshops finden sie auf www.andriiceland.com.

„Und jetzt wieder Augen zu. Fokus!“, befiehlt Andri. Ich schließe die Augen, konzentriere mich auf meinen Atem. Kurz darauf klingt der eben heraufbeschworene Kälteschmerz wieder ab.

„Seht ihr, was ihr mit euren Gedanken alles steuern könnt?“, sagt Andri und tippt sich an die Stirn.“Hier entstehen Störgefühle, Kälte, Unbehagen, Schmerz‑ ihr habt es in der Hand, beziehungsweise im Kopf. Ob ihr im Stress seid oder nicht, eure Atmung entscheidet.“

Nach weiteren Übungen, Meditationen und Wissensvermittlungen von Andri wackeln Christian und ich in Badehosen zu den Sitzwannen im Außenbereich. Ich steige in die Wanne mit zehn Grad Wassertemperatur, nehme die unangenehme Wasserkälte wahr, unterdrücke den aufsteigenden Fluchtreflex und lege mich nieder.

„Ich hoffte auf die magische Pille. Doch die gab’s nicht.“

Nur der Kopf bleibt über Wasser. Fokus! Nach drei Minuten Wechsel: Christian ist dran. Es wird laut, aber er zieht’s durch. Zweiter Tauchgang: die vier Grad kalte Wanne. Und dann Nummer drei: Eisbad! Es ist nicht mein erstes, aber Christians. Er mag’s noch nicht glauben, doch er erlebt sich am Tagesende in Tausenden von Eiswürfeln.

Erstaunlicherweise war es nicht das Eisbad, welches am kältesten anmutete. Es war das erste Bad, im zehn Grad ‚warmen‘ Wasser. Nach dem initialen Eintauchen und dem damit ausgelösten Kälteimpuls verflüchtigt sich das Blut ins Körperinnere, um Herz und lebenswichtige Organe zu schützen. Bei den darauffolgenden Bädern empfand ich den Kälteimpuls geringer, weil weniger körperwarmes Blut ‚attackiert‘ wurde.

Die untergehende Sonne färbt den Himmel und der Ausbruch des Fagradalsfjall trägt seinen Teil dazu bei (Foto von Timm Chapman).

Tiefe Täler, Abstürze, späte Sonne: Andris Wandlung

Die geschmeidige, kraftvolle Präsenz und das positive Wesen Andris wirkt noch erstaunlicher, wenn man weiß, dass dieser Mann eine fast dreißigjährige Krankheitsgeschichte durchlitten hat. Mit fünf Jahren beginnt er mit Gymnastik und Turnen. Bis er als Dreizehnjähriger eine Treppe hinunterstürzt: Wirbelsäulenverletzung‑Ende der Turnkarriere. Chronische Schmerzen begleiten den Heranwachsenden. Nur wenn er Alkohol trinkt, verflüchtigt sich der Schmerz.

Er trinkt viel, schämt und isoliert sich, begleitet von Drogen, Angststörungen und Depressionen. Sein Vater stirbt. Andri ist achtzehn. Jetzt kommt noch die Trauer hinzu, sie nährt seine Verzweiflung.

Nach ein paar Atemübungen und mentaler Einstimmung stapfe ich ins acht Grad kalte Wasser.

​“Ich lief von einem Arzt zum anderen und bettelte ‚Hilf mir, reparier‘ mich.‘ Ich hoffte auf die magische Pille. Doch die gab’s nicht“, berichtet  Andri.

Dafür gibt es mehr Medikamente, mehr Nebenwirkungen, neue Krankheitsbilder, mehr Ärzte. In seiner Pillenbox sortierter zehn Präparate. Statt Gesundung folgen Stimmungsschwankungen, Erschöpfung, Migräne, Erbrechen, Tremor, dreißig Kilogramm Übergewicht, Nervenzusammenbruch, Selbstmordgedanken. Er wirft Schlaftabletten ein, nickt täglich im Sitzen ein, manchmal sogar im Stehen.

Ein Naturspektakel, das jeden fesselt: Der Krater des Fagradalsfjall stößt unentwegt Lavafontänen in den Himmel.

2015 lädt ihn ein Freund zu einem Atemworkshop ein. Andri denkt: „Atmen? Ich bin doch kein Yogi!“ Doch verzweifelt wie er ist, greift er auch nach diesem Strohhalm.

Der Workshop hinterlässt Andri in Verwunderung. Er spürt das erste Mal eine Art ‚Eigenenergie‘, ein Werkzeug der Selbststeuerung. Irgendwas wirkt, fühlt sich richtig an, fernab jeglicher Medikamente. Andri bleibt dran und praktiziert täglich verschiedene Atemübungen.

Nach ein paar Atemübungen und mentaler Einstimmung stapfe ich ins acht Grad kalte Wasser.

„Mir ist klar geworden, dass ich zuvor nichts getan habe, außer mich zu beschweren. Ich glaubte, ich bräuchte jemand anderes, um wieder gesund zu werden. Atmen dagegen war eine völlig neue Erfahrung. Das erste Mal hatte ich das Gefühl, hier liegt etwas in meiner Hand.“

Nach drei Wochen weichen die Schmerzen aus seinem Rücken, Migräneschübe nehmen ab, sein Gewicht auch. Er wird neugierig, recherchiert. Dabei stößt er immer wieder auf den Namen Wim Hof. Andri bucht einen fünftägigen Workshop bei Wim Hof in Polen. Dort lernter Eisbäder kennen.

Das Video zeigt die atemberaubende Lavaeruption des isländischen Vulkans Fagradalsfjall. Der Film wurde von mir mit einer DJI Mavic Drohne gedreht und geschnitten. Ich habe auch die Filmmusik komponiert.

Das ist der Durchbruch. Nach seiner Rückkehr in Island absolviert er zahlreiche Ausbildungen und baut im Hafen von Reykjavik ein Studio. Seitdem unterwies er über 3.000 Menschen in Atemtechnik und Eisbaden. „Es klingt verrückt, aber ich bin geheilt, ganz aus eigenen Mitteln. Medikamente nehme ich schon lange nicht mehr.“

Feuerprobe im See

Am nächsten Tag heißt es: Praktische Bewährungsprobe! Wir fahren südlich von Reykjavik zum Kleifarvatn, einem 8 Quadratkilometer großen See. Am schwarzsandigen Ufer sind wir ganz allein. Nach ein paar Atemübungen und mentaler Einstimmung stapfe ich ins acht Grad kalte Wasser. Christian setzt aus, er ist von der gestrigen Eisdosis noch ‚total happy‘, möchte alles in Ruhe verarbeiten

Leicht zitternd stapfe ich aus dem See, hülle mich in ein Handtuch und warte ein paar Minuten, bis sich mein Körper aufwärmt.

Ich paddle also in Sichtweite von Andri hin und her, schwimme ein paar Bahnen und gebe regelmäßig Zeichen, dass alles okay ist. Das Schwimmen im kalten Wasser ist schon ‚ein anderer Schnack‘.

Der Eingang der Eishöhle im Vatnajökull.

Mein Körper bewegt sich fortwährend, sekündlich piekst Kälte in meine Haut. Es ist deutlich kälter als gestern beim Sitzen im Eisbad. Leicht zitternd stapfe ich aus dem See, hülle mich in ein Handtuch und warte ein paar Minuten, bis sich mein Körper aufwärmt. Dann streife ich mir ein Shirt über, warte erneut und schlüpfe dann in eine leichte Jacke.

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Von Andri habe ich gelernt, nach einem Kältebad nicht gleich in warme Winterklamotten zu flüchten. Dadurch würde das noch kalte Schalenblut von den ‚Außenbezirken‘ in den Körperkern zurückströmen, wo es durch starkes Zittern erst aufgewärmt werden müsste. Das dabei entstehende Kältebibbern ‑ trotz warmer Klamotten ‑ nennt man ‚Afterdrop‘.

Wir hasten los, vor Aufregung schneller als gestern, steigen einen Bergrücken hoch und hören in der Ferne ein tieffrequentes, grobes Rauschen und Schnaufen.

Trotz Jacke steckt noch zu viel Kälte in meinem Körper. Ich atme intensiv, grunze, verrenke mich, um Wärme zu produzieren. Das dauert. Zwanzig Minuten später lächelt Andri mich an, klopft mir auf die Schultern und sagt: „Welcome to ice land!“

Das Licht, die Farben und die Eisformationen dieser Höhle sind überwältigend schön! Und vergänglich: Jährlich schmilzt der Gletscher um etwa siebzig Meter.

Lavasprühen und Freudentaumel

Nach dem Seebad springen Christian und ich ins Auto, drehen die Heizung auf und düsen erneut zum Vulkanparkplatz. Ob es diesmal klappt? Keine tiefhängenden Wolken zu sehen. Wir hasten los, vor Aufregung schneller als gestern, steigen einen Bergrücken hoch und hören in der Ferne ein tieffrequentes, grobes Rauschen und Schnaufen.

Um 18:56 Uhr sehen Christian und ich den ersten Vulkanausbruch unseres Lebens!

Dann, nach knapp einer Stunde Marsch ist es soweit: Um 18:56 Uhr sehen Christian und ich den ersten Vulkanausbruch unseres Lebens! Der Krater des Fagradalsfjall stößt unentwegt Lavafontänen in den Himmel. Große Teile der Lava landet an der Kraterinnenwand und tropft zäh hinunter. Es ist ein Naturspektakel, das jeden fesselt. Die pure Faszination des Seins.

Diese wilde, ungeheuerliche Kraft erweckt in mir genuine Freude, zu der mein Verstand keinen Zugang hat. Ich starre, mit leerem Kopf und offenem Mund – demütig, dankbar und glücklich.

Ein seltener Blick aus der Luft, kurz vor dem Ausbruch (Foto von Timm Chapman).

Heiß begehrt: der Fagradalsfjall

Bereits ab Januar 2020, lange vor der Eruption des Fagradalsfjall, kündigten Schwarmbeben einen bevorstehenden Vulkanausbruch an. Diese kaum spürbaren Beben konzentrierten sich auf eine Region auf der Halbinsel Reykjanes.

Diese gilt als geologisch sehr aktiv, denn hier driften die nordamerikanische und die eurasische Erdplatte jährlich ein bis zwei Zentimeter auseinander. Dennoch verzeichnete man hier seit über 800 Jahren keinen Ausbruch mehr. Bis Erdstöße darauf hinwiesen, dass es ernst wird: Durch Spalten und Risse in der Erdkruste drängte Magma aus größerer Tiefe nach oben.

Jetzt war Island um eine Attraktion reicher. Tausende zogen zur Ausbruchstelle, Rundflüge waren rasch ausgebucht, an der Küstenstraße entstanden Imbissbuden und Bezahlparkplätze.

Am 19. März 2021 erfolgte der erste Ausbruch: eine Spalteneruption. Lava entwich aus mehreren Öffnungen entlang einer zwei Kilometer langen Linie. Am 5. April öffneten sich weitere Spalten, ein beeindruckender Lavavorhang sprühte aus dem Riss, der sich rasch auf wenige Kegel reduzierte, die, bis auf einen, nach zwei Tagen inaktiv wurden.

Christian auf einer Wanderung mit Blick auf den massiven Svinafellsjökull.

Der Verbliebene Kegel wuchs zum Förderschlot und stieg so zum Superstar auf. Aus diesem alleinigen Eruptionsherd entwichen nun Unmengen von Lava, was sogar vom internationalen Flughafen Kevlavik aus zu sehen war. Jetzt war Island um eine Attraktion reicher. Tausende zogen zur Ausbruchstelle, Rundflüge waren rasch ausgebucht, an der Küstenstraße entstanden Imbissbuden und Bezahlparkplätze.

„Ab Mai gab’s die große Show vom Förderschlot. Geysirgleich schoss alle 45 Minuten eine Lavafontäne 300 Meter in die Höhe!”

„Ich kenne Vulkane seit drei Jahrzehnten, aber sowas hab‘ ich auch noch nicht erlebt“, erklärt mir Geologe Florian Becker. „Die Wissenschaftler waren ratlos, trotz des so gut dokumentierten Vulkanausbruchs. Denn das Ausbruchsverhalten hat sich permanent geändert. Und das war einzigartig!“

Achtmal besuchte er den Fagradalsfjall. „Ab Mai gab’s die große Show vom Förderschlot. Geysirgleich schoss alle 45 Minuten eine Lavafontäne 300 Meter in die Höhe! Nach fünf Minuten war’s vorbei. Das ist total crazy, das wurde noch nie beobachtet an einem Vulkan!“

Blick auf die Gletscher Svinafellsjökull im Vordergrund und dahinter der Skaftafellsjökull.

Geologisch lässt sich das so erklären: In der Tiefe diffundieren Gase aus der Schmelze, drängen im Schlot nach oben, jedoch nicht gleichmäßig. In 500 Metern Tiefe sammeln sich die Gase, schießen dann weiter nach oben, wobei sie Lava mitreißen.

Im Juli bildete sich im Krater ein köchelnder Lavasee, der über den Kraterrand hinausschwappte und die Lavaströme speiste. Die Eruptionen galten als relativ ungefährlich, da die Lava aufgrund der hohen Temperatur von 1.200 Grad sehr dünnflüssig war und nur wenig gelöste Gase enthielt. Letzteres ist in dickflüssiger Lava ungleich schwerer. Die Gefahr von explosiven Gasausstößen, bei denen auch große Brocken herausgeschleudert werden können, ist dann wesentlich höher.

Eigentlich hatte ich meine Lagunen-Challenge schon ad acta gelegt. Doch Florian schickte der Himmel.

Dann ab Ende August blieb der launige Fagradalsfjall gerne mal für mehrere Tage inaktiv. Seit dem 20. September tut sich gar nichts mehr. Die Lavafelder dampfen zwar noch und Schwefelgeruch durchzieht die Luft, doch der Vulkan hat sich wieder schlafen gelegt.

Die braune Lagune

Es regnet. Wie jeden Tag, den wir auf Island unterwegs sind. Die Sonne hat sich nicht ein einziges Mal blicken lassen. Auch nicht bei meinem Testbad am Skogafoss. Jetzt marschieren wir auf der für Autos gesperrten Schotterpiste, die zum Svinafellsjökull führt.

Kurz nach einem weiteren Testbad im Becken des Skogarfoss. Der Wind und die Gischt des Wasserfalls sind enorm, die Tropfen wehen teils waagerecht – davon zeugen die Wassertropfen auf dem Objektiv.

Ich folge dem Tipp vom Geologen Florian Becker, den ich erst heute Morgen kennenlernte. Ursprünglich wollte ich in Islands bekanntester Gletscherlagune, dem Jokulsarlon, ein Bad nehmen.

Das scheiterte jedoch an stumpfen Behördenmitarbeitern, absurden Auflagen und einer Bearbeitungsgeschwindigkeit knapp oberhalb der Reykjanes-Plattentektonik. Eigentlich hatte ich meine Lagunen-Challenge schon ad acta gelegt. Doch Florian schickte der Himmel. Kenntnisreich schlug er mir Bade-Alternativen vor und half mir später noch beim Zusammentragen der Vulkanfakten.

Ich muss gestehen, ich hab‘ ein bisschen Bammel vor dem bevorstehenden Bad. Aber es ist genau die richtige Dosis: ein aufgeregtes Kribbeln, außerhalb meiner Komfortzone, doch weit genug entfernt vom Panikrevier. Am Ende der Geröllpiste erblicken wir die massive, zerfurchte Gletscherzunge.

Ich schwimme ein paar Meter zu einem flachen Eisberg ‑ da stößt mich im Wasser etwas an.

Sie mündet in einem großen milchkaffeebraunen See, in dem sich ein paar Eisberge tummeln. Die vielen Gefahren- und Verbotsschilder erhöhen meine Pulsfrequenz.

Wir schlagen uns durch einen zugewucherten Pfad und erreichen den schwarzen Lagunenstrand.

Fokussiert lege ich meine Kleider ab und steige bedacht ins Wasser. Christians Gegenwart gibt mir Sicherheit, allein hätte ich es nicht gemacht. Ich schwimme ein paar Meter zu einem flachen Eisberg ‑ da stößt mich im Wasser etwas an. Es ist ein unterirdischer Ausläufer.

Obwohl er nur zehn Zentimenter tief im Wasser liegt, ist er in der undurchsichtigen Geröllbrühe nicht zu sehen.

Fernblick auf den Svinafellsjökull-Gletscher

Ich ertappe mich bei dem Gedanken den kleinen Eisberg zu erklimmen. Doch dazu müsste ich eine tritt- oder kletterfeste Stelle finden. Außerdem habe ich keinerlei Erfahrung im Begehen von Eisbergen, die im Wasser schwimmen. Von einer Arktisreise weiß ich, dass stabil anmutende Eisberge völlig labil sein können.

Finger weg‘ höre ich den Sicherheits-Malte befehlen. Ich gehorche und kehre zum Ufer zurück. Christian streckt mir eine Handfläche entgegen und ich klatsche ab.

Auf und im Gletscher

Staunend wandeln wir durch eine völlig fremde Welt: Faszinierend blau-grün leuchtende Eiswände, -decken und -kuppeln rings um uns herum. Eine atemberaubende, fragile und vergängliche Schönheit. Tosend rauscht das Schmelzwasseran uns vorbei. Wir bewegen uns vorsichtig durch den größten europäischen Inlandsgletscher, den Vatnajökull.

Er erstreckt sich über eine Fläche von 8.100 Quadratkilometer, das entspricht etwa dem 2,2-fachen Mallorcas bzw. dem 15-fachen des Bodensees.

„Schieß‘ viele Fotos, nächstes Jahr ist die Höhle verschwunden.“

„Die Schmelzwasserabflüsse an den vielen namenlosen Auslassgletschern sind leicht zu erreichende Zugänge zu den Eishöhlen. Die bilden sich hier ganz natürlich aufgrund der leicht erhöhten Temperaturen.“ erklärt unser Guide Olav.

„Schieß‘ viele Fotos, nächstes Jahr ist die Höhle verschwunden.“ Denn jährlich schmilzt die südliche Eiskante des Gletschers um bis zu 70 Meter ab, unsere Eishöhle dürfte nächstes Jahr nicht wiederzuerkennen sein.

Timm Chapman – Fotograf der faszinierenden Vulkanbilder (mehr davon auf www.timmchapman.com)

Natürlich, der Klimawandel! Von meinem ersten Islandtrip 1989 ist mir noch die damalige Größe von 8.400 Quadratkilometer  in Erinnerung. Seitdem hat der Eisklops umgerechnet ca. 25.500 Quadratkilometer  pro Tag an Eisfläche eingebüßt. Wenn die Schmelze in diesem Tempo fortschreitet, ist hier in 870 Jahren nur noch ein Geröllfeld übrig.

Epilog

Zwei Monate später. Ich telefoniere mit meiner Frau Annette, erzähle von Uganda, wo ich gerade reise. Kurz vorm Auflegen sagt sie: „Ach, übrigens, Christian ist zu Besuch. Ich weiß ja nicht genau, welchen Schalter ihr da in Island umgelegt habt, aber er sieht richtig gut aus. Hat sechs Kilo abgenommen, duscht jetzt morgens kalt, war mit beim Beachvolleyball und geht morgen mit zum Sport. Ich nenn‘ ihn nur noch Christian 2.0!“

Ich freue mich ungemein für Christian. Dass er seiner Intuition gefolgt ist und sein persönliches Spielfeld ausgeweitet hat. Dass er in Island etwas von seinem alten Ich abgelegt hat. Und dass er sich jetzt als selbstwirksam, freudvoll und freier erlebt.

Das wünsche ich mir für jeden Reisenden.

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