Eine Insel wie keine andere

La Reunion – Wie eine Weltreise in fünf Tagen

22. Oktober 2022
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24 Min.
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Die westliche Küstenlandschaft von La Réunion.
24 Min. An welchem Ort der Welt kann man morgens im Meer plantschen, mittags im Regenwald spazieren gehen und am Nachmittag eine Wüste samt aktivem Vulkan bestaunen? La Réunion bietet die abwechslungsreichste Vielfalt an Landschaften, Vegetation und Kulturen, die ich kenne.

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Deutschlands größtes Naturreise-Magazin
12 Seiten | Text & Fotos

‚Wie eine Weltreise in ein paar Tagen‘ denke ich, während der Airbus H130 Hubschrauber von Corail Helicopters zur Landung ansetzt, um uns sechs von der Schönheit der Insel benommenen Gäste wieder auszuspucken. In den 45 Minuten bestaunten wir die Highlights der Insel: Küstenlandschaft, Ozean, drei Talkessel mit ihren bis zu 1.000 Meter hohen Steilfelsen, eine fast unzugängliche Wasserfallschlucht, unberührte Hochwälder und eine wüstenähnliche Sandebene, zu deren Ende einer der aktivsten Vulkan der Welt thront.

Eine kompaktere Zusammenfassung und einen schöneren Abschluss meiner Reise auf einer der wohl abwechslungsreichsten Inseln der Welt hätte ich mir kaum vorstellen können. Aber nun mal eines nach dem anderen.


Preisgekrönt und sturzgefährdet

Es scheint ihm gar nicht zu gefallen, dass wir in seiner Nähe sind und ihn beobachten. Nervös hüpft der Rotohrbülbül auf dem Ast herum und schimpft aus vollem Rohr. Wir würden ja seinem Warnruf nachkommen, wenn er nur nicht so ein Prachtkerl wäre. Daher lasse ich nicht locker und drücke noch ein paar Mal auf den Auslöser. Bitte sieh‘ es mir nach, gefiederter Freund.

Gerade mal zwei Stunden zuvor bin ich aus dem Flieger gehüpft und nun hat mich die Insel schon voll aufgesogen.

„Da schau, ein Réunion-Rotschnabelbülbül, die sind ganz schön scheu. Und selten!“ erklärt mir Christoph Kindler, Naturkenner, noch mehr -liebhaber, Geologe, Sportskanone und mein La Réunion-Führer für die nächsten Tage. Dabei zeigt er auf einen Baum zu meiner Linken.

Ich erkenne den Vogel an seinem auffälligen orangen Schnabel. „Früher ist der Vogel gerne mal zu Festtagen in der Pfanne gelandet,“, erklärt Christoph kopfschüttelnd, „heute halten sich ihn manche noch als Käfigvogel, was natürlich auch nicht ok ist.“

Ein schimpfender Rotohrbülbül.

Gerade mal zwei Stunden zuvor bin ich aus dem Flieger gehüpft und nun hat mich die Insel schon voll aufgesogen. Von Flugmüdigkeit keine Spur mehr, mein kindliches Staunen setzt neue Energie frei, Anlass habe ich reichlich. Ein paar Minuten nach der Vogelrast jage ich den Mietwagen lustvoll um die vielen Kurven der fast tadellosten Asphaltpisten.

Ich bin weder Autofan, noch fahre ich gerne eines, aber hier, sorry, macht das einfach Laune. Auch Motorradfahrer dürften hier voll auf ihre Kosten kommen. Hin und wieder ist jedoch Vorsicht angesagt: unbeleuchtete Tunnel oder aus Überhängen herunterrauschendes Wasser erfordern Aufmerksamkeit.

Dominant erscheint mir eine grüne Rankpflanze, deren viele, etwa handtellergroße Blätter mehrere Dutzend Quadratmeter überdecken.

Auf der Fahrt in den Cirque de Salazie, dem grünsten der drei Talkessel der Insel sprießen links und rechts der Straße sprießen zahllose Früchte: wir erkennen Avocado-, Kaki-, Pfirsich- und Mispelbäume sowie Sträucher der Brasilianischen Guave.

Dominant erscheint mir eine grüne Rankpflanze, deren viele, etwa handtellergroße Blätter mehrere Dutzend Quadratmeter überdecken.

„Die nennt man hier Chouchou,“, erklärt mir Christoph, „direkt übersetzt hieße das ‚Kohl Kohl‘. Man nennt sie auch Chayote, Christophine oder Zaunrübe und sie gehört zu den Kürbisgewächsen. Die Frucht sieht ein bisschen aus wie eine verwachsene Birne.

Die Réunionesen verwerten die Fruchmasse für Ragout, Gratin, Salat, Kuchen oder Marmelade. Und da, wo wir hinfahren, gibt’s im Juli sogar ein Chouchou-Fest: Drei Tage Party mit Verkostungen, Produkten und Events.“

Nichts weniger als das ‚schönste Dorf Frankreichs‘ ist unser Tagesziel: Hell-Bourg. Das Dorf mit seinen etwa 2.000 Einwohnern markiert das Ende der befestigen Straße. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Es existieren wenige bis gar keine modernen Elemente wie Telefon- oder Strommasten, geschweige denn hohe oder moderne Gebäude.

Viele Villen des farbfrohen kreolischen Stils wurden renoviert, die meisten Häuser sind aus Holz gefertigt. Das terrassenartig angelegte Dorf erlaubt viele weite Blicke in den Talkessel mit seinen schroffen Felsen.

Auf der Wanderung zum Wasserfall ‚Trois Cascades‘, deutet Christoph auf eine unbesiedelte Stelle etwas außerhalb von Hell-Bourg: „Dort ist Ende des 19. Jahrhunderts ein ganzes Dorf durch einen Bergrutsch abgesackt. Sechzig Menschen fanden den Tod. Geologisch gesehen ist La Réunion sehr aktiv, manche Dörfer bewegen sich bis zu zwei Meter pro Jahr. Das ist bei uns Bewohnern natürlich ein großes Thema.“

Blick über Hell-Bourg in den Salazie Talkessel.

Abends, auf dem Weg von unserem Hotel le Relais des Cîmes zum Diner fällt plötzlich die Straßenbeleuchtung aus, augenblicklich ist es stockfinster. Christoph erklärt mir: „Das ist so gewollt. Denn jetzt ist die Zeit, in der die jungen ‚Petrels de Barau‘, die jungen Barausturmvögel, flügge werden. Das helle Licht lockt sie an und sie verletzen sich oft dabei. Also haben die Tierschützer durchgesetzt: Licht aus.“


Dampf im Talkessel

Auwei. Das Monitorbild meiner Drohne verheißt nichts Gutes. Ein paar Sekunden zuvor habe ich sie von der Landstraße D52 gestartet, um einen Blick über den Straßenrand zu wagen. Dieser bricht nun jäh ab und der Monitor gibt ein riesiges Tal preis, welches von der Straße nur zu erahnen ist.

Deutlich beruhigt steuere ich mein Fluggerät weiter über den gigantischen Talkessel.

„Und da wollen wir runter?“, frage ich Christoph ein wenig verschämt. „Ja, klar,“, lacht der, „aber doch nicht hier. Weiter oben kann man easy auf Treppen hinunterlaufen.“ Deutlich beruhigt steuere ich mein Fluggerät weiter über den gigantischen Talkessel. Vorfreude steigt auf.

Denn jetzt erkenne ich eine Landschaft, die ihresgleichen sucht: Enorm steile Kratermauern, darin verloren und nur als winzige Fleckchen zu erkennen, ein paar Häuschen. Wolken- und Nebelschleier wabern herum, geben dann den Blick frei auf Auen, Wälder, grüne Flächen und bizarre Felsformationen.

Christoph spielt ein kleines Spiel mit den Wellen am Cap Méchant.

Zwanzig Minuten später beginnt unser Marsch in das UNESCO Weltnaturerbe, in dessen Zentrum die drei Talkessel Salazie, Cilaos und Mafate liegen. Letzterer ist das Ziel unserer Wanderung, er ist nur zu Fuß zu erreichen.

Die drei Talkessel rund um den Piton des Neiges sind wie ein Kleeblatt angeordnet. Im Jahr 2010 wurden die Vulkanlandschaften, Talkessel, Hochebenen und umgebenden Steilwände als UNESCO-Weltnaturerbe klassifiziert. Heute stellen sie mehr als 42 % der Inselfläche von La Réunion dar.

„Das ist ein Dyke. Die entstehen, wenn Magma aufsteigt und in diese Spalten gepresst wird.“

Der leichte Abstieg über Treppen hilft uns, die 600 Meter Höhenunterschied zu bewältigen. Am unteren Treppenende geraten wir in einen märchenhaften Tamarindenwald. Knöterichblüten und Falscher Wein säumen den Weg nach La Nouvelle. Ab hier begegnen uns nur noch sehr wenig Wanderer, denn die meisten Besucher sind Tagesgäste und machen in La Nouvelle wieder kehrt.

Kurz vor unserem Tagesziel Marla entdecken wir einen großen Busch mit Wandelröschen.

Wir laufen weiter am Fluss entlang, bestaunen eine tiefe Schlucht, die den Fluss aufzusaugen scheint. Neugierige Réunionschmätzer begleiten uns in der Hoffnung, dass wir ein paar Krumen fallen lassen.

Christoph macht mich aufmerksam auf vertikale Farbstriche in der Mauer des Talkessels: „Das ist ein Dyke. Die entstehen, wenn Magma aufsteigt und in diese Spalten gepresst wird. Wenn die Magma horizontal verläuft, dann nennt man sie Silt.“

Nach einer Flussdurchquerung strebt der Weg nach oben. Ich spüre das Pochen des Pulses in meinen Ohren. Etwas Trost für die Mühen veschaffen die vielen rot-violett-gelben Wandelröschen. Nach dem Anstieg geht es weiter durch ein Kasuarinenwäldchen.

Gleich dahinter die Dorfkapelle, Gottesdienst findet nur alle zwei bis drei Monate statt. Dann kommt der Priester aus dem Himmel – per Helikopter.

Dann ein Ortsschild mit der Inschrift ‚Marla‘. Sind wir da? „Noch ein paar Minuten.“ verspricht Christoph. Links von uns eine frei gemähte Fläche mit einem riesigen Holzkorb gefüllt mit großen weißen und grünen Plastiksäcken.

„Das ist der Müllplatz von Marla.“ erklärt Christoph und sieht die vielen unsichtbaren Fragenzeichen in meinem Gesicht. „Morgen wird er abgeholt. Mit dem Hubschrauber.“

Ich bin beeindruckt. Das ist die sauberste und geruchloseste Müllhalde, die ich je gesehen habe.

Die fast unzugängliche und daher märchenhaft anmutende Schlucht ‚Tour de fer‘.

Marlas verstreute Holzhütten werden mit Strom aus Photovoltaik versorgt. Wir passieren eine Weide mit Zuchthirschen. Ihr Fleisch ist bei den Locals sehr beliebt. Gleich dahinter die Dorfkapelle, Gottesdienst findet nur alle zwei bis drei Monate statt. Dann kommt der Priester aus dem Himmel – per Helikopter.

Ja, das hier ist ein sehr entlegener Ort. Vor langer Zeit haben geflüchtete Sklaven hier Schutz vor ihren Verfolgern gesucht. Und gefunden.

Obwohl La Réunion über 350 endemische Pflanzen verzeichnet, haben sich hier auch viele invasive Pflanzen angesiedelt.

Ein Pärchen Réunion-Graubrillenvögel fiepen in einem undurchdringlichen Busch, sie scheinen den Tag zu verabschieden.

Die Sonne steht tief, die Talkesselmauern leuchten in tiefem Orange, Christoph und ich genießen die Ruhe und Kühle dieses abgeschiedenen Örtchens. Wir kehren ein in der Wanderunterkunft bei Fanélie César.

Etwas Vorsicht ist geboten am Strand von Grand Anse, Wellengang und Strömung können sehr kräftig sein.

Hungrig und erschöpft genießen wir mit einer Handvoll anderer jovialer Wandergäste große Mengen ihres fantastischen Curries – natürlich mit Rotwein, wir sind schließlich in Frankreich.

Nur wenig später fallen wir in die Federn, mit prallem Magen und glücklichem Grinsen.


Bad im Pflanzenmeer

Knapp nach Sonnenaufgang verlassen wir Marla, um auf einer alternativen Route zurück zum Ausgangspunkt des Vortages zu gelangen. Christoph darf sich in Geduld üben, denn meine kindliche Neugier lässt uns an fast jedem mir unbekannten Grashalm stoppen.

So erfahre ich Hochinteressantes über Pflanzen, an denen ich früher achtlos vorbeigestratzt wäre. Die ‚Bringelle‘ genannte Auberginenart enthält ein Lösungsmittel, weshalb ihre Blätter gerne zum Geschirrspülen oder bei Klogängen verwendet werden.

„Achtung, Reihenfolge einhalten.“ ermahnt mich Christoph mit einem verschmitzten Lächeln.

Obwohl La Réunion über 350 endemische Pflanzen verzeichnet, haben sich hier auch viele invasive Pflanzen angesiedelt. Eine der am weitesten verbreiteten ist der Parfümingwer. Er dient als Zierpflanze, seine ätherischen Öle sind in der Parfümindustrie begehrt.

Etwas Vorsicht ist geboten am Strand von Grand Anse, Wellengang und Strömung können sehr kräftig sein.

Weiter geht es, vorbei an Agaven, Dombeya-Malven und Passionsfrüchten, die hier ‚Babardines‘ genannt werden.

Dann passieren wir eine weitere Pflanze, deren Aromastoffe ebenso begehrt sind: Jumellea fragrans, eine Orchideenart. Ihr schmackhaftes Extrakt kann man in lokalen Rumsorten verkosten, dewegen gelten manche von ihnen als einzigartig.

Christophe im Tamarindenwald auf dem Weg nach La Nouvelle.

Da wir früh dran sind, nur wenig andere Wanderer die Wege säumen und wir ein bisschen Glück haben, können wir auch heute, wie schon am ersten Tag, eine ‚Merle pays‘, einen Réunion-Rotschnabelbülbül sichten.

Nur wenige Minuten später kreist über uns ein ‚Papangue‘ ein endemischer Bussard. Er ist jetzt auf der Suche nach Nagetieren oder kleinen Reptilien.

Eine von Menschen bewusst eingeführte Art hingegen ist Kryptomeria, besser bekannt als Japanfichte, Sicheltanne oder Japanische Zeder

„Als die ersten Menschen auf die Insel kam, gab‘s nur zwei Säugetiere. Nämlich zwei Arten Fledermäuse, auch Flughunde genannt. Der Wind, vor allem die stärkeren, die Zyklonen, wehten invasive Arten hierher: Pflanzensamen, aber auch Vögel.“ erklärt Christoph.

„Die meisten gingen ein, nur wenige überlebten. Manche haben sich über die Jahrhunderte bzw. Jahrtausende soweit angepasst bzw. von der ursprünglichen Art verändert, dass Forscher sie nun als neue Arten klassifizieren.“

Christoph auf dem Weg zum Gipfel des Vulkans Piton de la Fournaise.

Eine von Menschen bewusst eingeführte Art hingegen ist Kryptomeria, besser bekannt als Japanfichte, Sicheltanne oder Japanische Zeder.

Der immergrüne Baum wird in größerer Zahl gerne auf erosionsgefährdeten Flächen angepflanzt. Das Wurzelwerk weiß den Stein zu stabilisieren.

Nur kurz später sichten wir Zuckerrohr, dem selbst aggressive Zyklonen nichts anhaben können und dann noch so manches bizarres Gewächs.

Jetzt bestaune ich gewaltige Erica-Gewächse, die ich auf vier bis fünf Meter Höhe schätze. „Hier wächst alles,“, kommentiert Christoph, “es kommt nur auf die Höhenlage an.“ Direkt daneben ein Nuxia-Busch, der hier ‚Bois maigre‘, übersetzt ‚mageres Holz‘, genannt wird.

Ihr Holz ist so dicht und schwer, dass Insekten nicht eindringen können und es sogar im Wasser sinkt. Nur kurz später sichten wir Zuckerrohr, dem selbst aggressive Zyklonen nichts anhaben können und dann noch so manches bizarres Gewächs.

Ein bizarrer, verwunschen anmutender Wald auf dem Weg zum Vulkangipfel Maido.

Mein Staunen lässt mich die Strapazen des Aufstiegs zum Col des Bœufs-Aussichtspunkt fast vergessen, wenn nicht hin und wieder Schweiß auf die Seiten meines Notizbuchs tropfen würde.

Vulkanisch. Haarig. Göttlich.

Der höchste Vulkan Frankreichs befindet sich auf La Réunion: der Piton des Neiges, der mit 3.069 Metern auch der höchste Gipfel des Indischen Ozeans ist. Er ist auch der Ursprung der Insel. Nur unweit davon thront die vierthöchste Erhebung der Insel: der Piton de la Fournaise mit 2.621 Mettern.

Mit fünf Vulkanausbrüchen in 2019 gehört er zu einem der aktivsten Vulkane der Welt. Manchmal erreichen seine Lavaströme sogar den Indischen Ozean, wodurch sich die Insel ein wenig vergrößert. Und er ist das Ziel der heutigen Wanderung.

Es läuft sich fantastisch auf dem abrasiven Gestein, die Sohle scheint förmlich daran zu kleben.

Jeder Besucher staunt über die ‚Sandebene‘, die wüstenartige ‚Plaine des Sables‘. Denn nur Augenblicke zuvor quert jedes Fahrzeug ein dichtes Waldgebiet mit Serpentinen. Dieses endet schlagartig mit einem fast endlosen Blick auf eine Mars-Landschaft.

Das muss man erst einmal verdauen. Wie viele andere auch parken wir, steigen aus, wundern uns. Zwanzig Minuten später entsteigen wir, Dank hunderter Schlaglöcher gut durchgeschüttelt, am Pas de Bellecombe dem Vehikel, schultern unsere Rucksäcke und visieren den Vulkangipfel an.

Ich kann es immer noch nicht fassen, dass ich hier durch eine Art Mondkrater stapfe, über Stricklava, die mich an eine zusammengeschobene Tischdecke erinnert und über scharfkantige Brockenlava, von den Réunionesen auch ‚Gratons‘, Schweinegrieben, genannt.

Eine Landschaft wie auf dem Mars: Die Plaine des Sables.

Es läuft sich fantastisch auf dem abrasiven Gestein, die Sohle scheint förmlich daran zu kleben. Ich frage Christoph nach den weißen Punkten, die die Route vorzugeben scheint. „Ja, das ist nicht zu unterschätzen,“ antwortet der, „bei Nebel, der hier ruckzuck aufkommen kann, sind die weißen Punkte die einzigen Orientierungspunkte.“

„Das sind die Haare der Göttin Pélé“

Dann entdecke ich an einer Stelle feine, gelbe glasfaserähnliche Kristalle auf dem Boden. „Das sind die Haare der Göttin Pélé,“ klärt mich Christoph auf, „zumindest ist das der Name. Geologisch gesehen handelt es sich hier um Vulkangestein, was man Haarobsidian nennt.

Es entsteht aus sehr flüssigen Lavatropfen, die sich durch starken Wind zu langen, dünnen Fäden ausdehnen. Und der Name Pélé geht zurück auf die hawaiianische Göttin des Feuers und der Vulkane.“

Die nun steiler werdende Route erlaubt immer prächtigere und weitere Blicke auf die Landschaft, durchsetzt von Wolken.

Nur unweit der Straße kann man in das fantastische Langevin-Tal hineinblicken.

Es ist ein grandioses Naturereignis. Nach etwa dreieinhalb Stunden gelangen wir an den Rand der Kaldera, die 2007 durch einen gewaltigen Ausbruch entstanden ist. Wir blicken 236 Meter tief.

Der Eiffelturm würde darin locker Platz finden. Nach einer kurzen Vesperzeit treten wir geschwind den Rückweg an. Wir sind noch zu einem Interview mit einem Vulkanologen verabredet.


Lava-Parade im wilden Süden

Nachdem wir gestern auf der Außernhaut des Vulkans gekrabbelt sind, geht es heute ins Innere: in einen Lavatunnel. Dazu sind wir an der Route Nationale 2 mit Ludo von Terre Camaléon verabredet.

„Willkommen im nouveau territoire, im Neuland!“, begrüßt er uns „Vor 20 Jahren gab es all das noch nicht!“ sagt er und dreht sich mit ausgestrecktem Zeigefinger einmal im Kreis.

Die gewaltigen Lavaströme der zahlreichen Ausbrüche ergossen sich über mehrere Quadratkilometer und erhöhten die Oberfläche um bis zu sechzig Meter.

Ich wundere mich darüber, dass schnell sich Moose, Farne, Flechten, Orchideen und kleinere Büsche wieder der Lava bemächtigt haben.

La Réunion zählt zu den rund zwanzig Plätzen weltweit mit Lavatunneln. Diese bilden sich nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen und sind zudem deutlich seltener als die etwa 1.500 aktiven Vulkane des Erdballs.

Damit ein Lavatunnel entsteht, müssen mehrere Bedingungen gegeben sein: Ein Hangneigungswinkel von höchstens fünf Grad Steigung, eine spezielle Viskosität der Lava, das heißt, sie darf weder zu dick noch zu dünn sein, die Menge der Lava und ihre Fließgeschwindigkeit sind entscheidend und auch ein Eingang muss existieren. All dies trifft auf die Lavaröhre zu, in die wir in wenigen Minuten einsteigen wollen.

Dazu müssen wir ein paar Minuten marschieren. Ich wundere mich darüber, dass schnell sich Moose, Farne, Flechten, Orchideen und kleinere Büsche wieder der Lava bemächtigt haben. Größere Rosenkranz und Pionierbäume wuchsen jedoch erst zehn Jahre nach dem Ausbruch.

Lavatunnelführer Ludo unterhalb einer großen Ansammlung von Lavatropfen.

Christoph weist mich auf eine völlig unscheinbare Pflanze hin. „Pass bei dieser bloß auf,“, warnt er, „der Bois de Rempart, auf deutsch das Heidekrautgewächs Agarista, ist giftig. Es heißt, ein Blatt kann einen Bullen töten. Beim Verbrennen ist der Rauch toxisch. Und Honig aus den Blüten darf man auch nicht essen.“

Wir schlüpfen durch ein etwa zwei Meter tiefer liegendes Einstiegsloch. Im Schein der starken Helmlampe offenbart sich eine fremde Welt. „Die Röhre ist ungefähr sechs Kilometer lang und damit wohl die zwölftlängste der Welt.“, erläutert Ludo.

„Die Entstehung eines Lavatunnels muss man sich wie einen Schokoladenkuchen frisch aus dem Backofen vorstellen. Die Oberfläche kühlt langsam ab, aber innen ist es noch heiß und flüssig, zwischen 1.000 bis 1.200 Grad heiß.

Obwohl die Decke des Lavatunnels bis zu vier Meter dick ist, haben sich wenige kräftige Wurzelstränge ihren Weg hindurchgebahnt und baumeln herunter.

Durch die unterschiedliche Abkühlung entsteht der Raum, der später zum Tunnel wird. Wir kraxeln dreißig Minuten ein Stück in den Tunnels hinein. Die Lava hat für die gleiche Distanz drei Tage benötigt.“

Die unterschiedlich erkaltete Lava hat die irrwitzigsten Formen und Figuren erschaffen. Manche Wände erinnern an zusammengeschobene Milchhaut, andere Lavaströme scheinen noch zu fließen oder von der Decke zu tropfen.

Obwohl die Decke des Lavatunnels bis zu vier Meter dick ist, haben sich wenige kräftige Wurzelstränge ihren Weg hindurchgebahnt und baumeln herunter.

Und dann wird es eng, wir müssen kriechen. Die Knieschützer verhindern das Aufreißen von Kleidung und Haut. Ludo leuchtet die Decke an und fragt: „Warum sind hier keine Wurzeln?“

Ludo schaltet das Licht aus. Totale Finsternis. Dann höre ich, sehr leise, das Geräusch eines vorbeifahrenden Autos. Weil wir unter der Straße sind!

Noch ein Rätsel: Ludo zeigt auf ein Loch, in das ein halber Laternenmast passen könnte, innen scheinen gelbe Schwefelablagerungen. Ich werde gefragt, wie diese Aushöhlung entstanden ist. Keine Idee. Dann lerne ich, dass dort ein Baum drinsteckte. Einst riss die Lava den Baumstamm mit, dieser drehte sich in der fließenden Lava.

Schließlich umschlang die Lava den Stamm vollständig, worauf er sich in Gas auflöste. Zurück blieb diese gelbe Röhre, ein stummer Zeuge des seltenen chemischen Prozesses, in dem ein Festkörper zu Gas transformiert: Sublimation.

Aus der Luft sind die Lavaströme aus dem Piton de la Fournaise gut zu erkennen.

Eine Insel wie keine andere

An welchem Ort der Welt kann man morgens im Meer plantschen, mittags im Regenwald spazieren gehen und am Nachmittag eine Wüste samt aktivem Vulkan bestaunen? La Réunion bietet die abwechslungsreichste Vielfalt an Landschaften, Vegetation und Kulturen, die ich kenne. Sie ist ein klasse Reiseziel für Erholungssuchende, Naturfreunde und Extremabenteurer. Und allen dazwischen. Au revoir, ma belle île!

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