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3 Seiten | Text & Fotos
Wir treten ins Freie. Zwei Männer in Badehosen. Kein ungewöhnlicher Anblick am sommerlichen Strand in Portofino, doch eine Überwindung in den winterlichen Alpen. Das Thermometer im schweizerischen Arosa sinkt an diesem Tag auf minus 13 Grad. Wir wollen trotzdem ins Eiswasser, schleichen zu den gummierten Stufen, die hinab zum See führen. Um mich zu beruhigen, rufe ich mir die Worte des Eiscoachs Daniel Ruppert wie ein Mantra ins Gedächtnis:
„Es wird kalt. Ich kann das. Ich will das.“
„Länger als drei Minuten überlebt man nicht im Eis“ – stimmt das wirklich?
Warum will ich mir das antun?
Ich liebe Herausforderungen und Extreme, möchte eisern geglaubte Weisheiten hinterfragen. „Länger als drei Minuten überlebt man nicht im Eis“, „Du holst dir den Tod!“ – solche Warnungen kenne ich seit Kindheitstagen. Doch sind sie wahr? Oder sind es bloße Mythen, die uns davon abhalten, unsere wirklichen Grenzen zu erkunden? Ich will es wissen. Ich will spüren, was mein Körper tatsächlich aushält, wenn ich ihn bewusst fordere.
Arosa, herrlich eingebettet in eine Schweizer Winterlandschaft aus schneebedeckten Bergen und zugefrorenem See.
Arosa ist ein Dorf auf 1800 Meter Höhe, zweieinhalb Stunden Zugfahrt von Zürich entfernt, bekannt für seine 300 Sonnentage im Jahr. Seit 2021 hat die Graubündner Gemeinde eine Attraktion, um die sie hartgesottene Winterfans beneiden: das erste öffentliche Eisbad der Schweiz – nach eigenen Angaben sogar Europas.
Ich habe mir zur Verstärkung einen Freund mitgenommen. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Am Untersee hat uns David Knittel empfangen, 36 Jahre, Gründer und Präsident der Eisbadi, und geleitet uns mit warmen Worten zur Einstiegsstelle in die eisfreie Wasserfläche von etwa drei mal fünf Metern Größe. Außer uns dreien ist niemand hier. Mein Puls schlägt so schnell, dass er mir in den Ohren pocht.
„Die Kälte versucht, eure Körper in Panik zu versetzen.“
Wie tausend Nadeln, die gleichzeitig die Haut durchbohren
Lang ausatmen. Dann gleiten wir langsam in den See. Es dauert etwa eine Minute, bis uns das Wasser bis zum Hals reicht. Die Kälte ist überwältigend, wie tausend Nadeln, die gleichzeitig die Haut durchbohren. David Knittel spricht mit ruhiger Stimme vom Rand der Badestelle:
„Tief einatmen, langsam ausatmen. Die Kälte versucht, eure Körper in Panik zu versetzen. Konzentriert euch! Bleibt ruhig. Atmet.“
David Knittel, Gründer, Eisbade-Guide und Präsident des Vereins Eisbadi (Foto: Eisbadi Arosa).
Die erste Minute ist die schlimmste. Nach dem Eintauchen reagiert der Körper schockartig und schüttet massiv Stresshormone aus. Er schickt Blut aus Armen und Beinen zum Herzen und zu anderen lebensnotwendigen Organen, um sie warm zu halten. Dann wird es friedlicher. Die Stresshormone verpuffen, und eine seltsame Ruhe kehrt ein.
„Zu Hause in Davos habe ich eine große Kühltruhe im Garten“
Markus, mein Begleiter, und ich unterhalten uns ein wenig, das lenkt ab.
„Zu Hause in Davos habe ich eine große Kühltruhe im Garten“, erzählt er, „die fülle ich mit Wasser, lasse sie etwa 30 Stunden lang eingeschaltet.“
Wunderschöne Lichtstimmung im vorabendlichen Arosa.
Dann ist das Wasser auf ein bis zwei Grad heruntergekühlt, an der Oberfläche bildet sich eine Eisschicht. So hat er sein eigenes Eisbad hinterm Haus. Im Winter badet er beinahe täglich im kalten Nass, das härtet ihn ab, um sich neuen Herausforderungen zu stellen. Beispielsweise hat er einmal Grönland auf Skiern durchquert.
Die Glieder schwergängig vom mangelnden Blut
Während wir im Wasser sitzen, wirkt das Becken plötzlich kleiner. Vom Rand her zieht sich ein dünner Eisfilm über die Fläche. David Knittel bemerkt unsere verwunderten Blicke:
„Bei diesen Temperaturen beginnt das Zufrieren schon nach fünf Minuten.“
Nach sieben Minuten staksen wir aus dem Wasser, die Glieder schwergängig vom mangelnden Blut, die Haut krebsrot von der Kälte, der Geist klar wie das Seewasser hinter uns. Im Ruheraum wärmen wir uns auf – die Sauna ist belegt. Nun trudeln auch weitere Badegäste ein, die sich ebenfalls ins eisige Wasser wagen wollen.
Das Eisbadi Arosa im Untersee (Foto: Eisbadi Arosa).
Der Weg durch die Instanzen glich der Rutschpartie
Jetzt erzählt David Knittel von den Ursprüngen der Eisbadi:
„Es begann 2017, als zwei Freunde täglich hier im Untersee badeten.“
Irgendwann schloss er sich ihnen an.
„Anfangs habe ich es nur zehn Sekunden im Wasser ausgehalten. Und ich hab’ geschrien“, gesteht er lachend.
„Ich bin jeden Tag ins kalte Wasser gegangen. Da hat es mich gepackt.“
Knittel, hauptberuflich Lehrer, entdeckte seine Leidenschaft fürs Eisbaden erst während eines Urlaubs vor einigen Jahren.
„Ich war in Bern und bin jeden Tag ins kalte Wasser gegangen. Da hat es mich gepackt.“
Zurück in Arosa wurde das Bad im Untersee zu seinem täglichen Ritual. Dort entstand zunächst eine inoffizielle Badestelle. Knittel nahm sich eine Auszeit vom Lehrerberuf, arbeitete in der Gastronomie und baute zusammen mit Freunden die erste Schwitzhütte, die wie eine traditionelle Sauna funktionierte.
Blick aus der Sauna auf den Untersee und Arosa (Foto: Eisbadi Arosa).
„Die Leute kamen, um zu schauen. Bald darauf begrüßten wir die ersten Badegäste.“
Die Idee lag nun auf der Hand:
„Das können wir doch auch offiziell machen!“
Der Weg durch die Instanzen geriet zunächst zur Rutschpartie.
„Ich habe das Konzept der Gemeinde vorgestellt, aber die hatten kein Budget.“
150 Unterstützer investierten 50.000 Schweizer Franken
Die Lösung kam aus der Community: Eine Crowdfunding-Kampagne mobilisierte rund 150 Unterstützer, die gemeinsam fast 50.000 Schweizer Franken investierten – genug Startkapital, um die Eisbadi samt Sauna- und Ruhewagen zu realisieren.
Die rechtliche Situation bleibt knifflig. Der Untersee gehört zu Chur, das Land drumherum zu Arosa. Heute betreibt der Verein Eisbadi Arosa die Anlage – unterstützt von Gemeinde und Region. Die Einnahmen aus Sauna, Ruhewagen und Spenden halten den Betrieb am Laufen.
Das Eisbadi in der aufgehenden Sonne Arosas (Foto: Eisbadi Arosa).
Wissenschaft, Kälte und Kontrolle
„Länger als fünf Minuten im Wasser ist nur was fürs Ego“, sagt Knittel.
Seine Aussage hat eine wissenschaftliche Grundlage. Die Kältetherapie, populär geworden durch den Niederländer Wim Hof, den „Ice Man“, basiert auf drei Säulen: Kälte, Atmung und Mindset.
Regelmäßige Kältereize stimulieren das Immunsystem
Beim Eintauchen ins kalte Wasser aktiviert der Körper das sympathische Nervensystem – die evolutionäre Kampf-oder-Flucht-Reaktion. Das Herz schlägt schneller, Blut wird aus Händen und Füßen abgezogen, Energie mobilisiert. Gleichzeitig werden Endorphine ausgeschüttet, die körpereigenen Glückshormone. Eine wachsende Zahl von Studien deutet darauf hin, dass regelmäßige Kältereize das Immunsystem stimulieren, den Stoffwechsel ankurbeln und die mentale Widerstandskraft stärken können – die Forschung steht hier aber noch am Anfang.
Wunderschöne Lichtstimmung im vorabendlichen Arosa.
Afterdrop und andere Risiken
Vorsicht ist beim sogenannten Afterdrop geboten – einem Phänomen, das auftreten kann, wenn die Körpertemperatur auf 35 Grad oder darunter sinkt.
„Man fängt an zu zittern, selbst wenn man dick eingepackt ist“, warnt David.
Das kalte Blut aus den Extremitäten fließt zurück zum Körperkern und kann die Kerntemperatur weiter senken. Bei einer Körpertemperatur unter 32 Grad hört das Zittern auf – ein gefährlicher Zustand, weil das Kältegefühl verschwindet.
Eisbaden in Arosa ist mehr als nur eine Mutprobe
Gemeinschaft, Klarheit und Magie
Eisbaden in Arosa ist mehr als nur eine Mutprobe. Stammgäste berichten von erstaunlichen Effekten.
„Seit ich regelmäßig ins Eiswasser gehe, brauche ich keine Schmerzmittel mehr für mein Rheuma“, erzählt eine Teilnehmerin.
Ein anderer Badegast schwört auf die mentale Klarheit:
„Nach dem Eisbad fühle ich mich, als hätte jemand die Fenster in meinem Kopf geputzt.“
Eisbad in der Dämmerung (Foto von Eisbadi Arosa)
Die Community am Untersee ist bunt gemischt: Manager, die vor Dienstbeginn Stress abbauen, Rentner, die ihre Lebensgeister wecken, Sportler, die ihre Regeneration fördern. Manche kommen in Gruppen, andere genießen die meditative Stille des frühen Morgens allein.
Als besonders beliebt gilt das Eisbaden bei Vollmond.
„Wenn der Mond über den Bergen steht und sich im schwarzen Wasser spiegelt, ist das pure Magie“, schwärmt ein Nachtschwimmer.
Die Stille, nur unterbrochen vom gelegentlichen Knacken des Eises, schafft eine fast mystische Atmosphäre.
„Es ist eine Quelle von Energie, innerer Stärke“
Von richtigen Atemtechniken haben wir keine Ahnung
„Es gibt kaum etwas, was einen mehr in den Moment holt als der Sprung ins Eis“, sagt Markus, während wir uns langsam aufwärmen. „Es ist eine Quelle von Energie, innerer Stärke – eine Inspiration für das, was in uns steckt.“
Er betont, wie wenig wir ans richtige Atmen denken. Obwohl wir es 20.000 bis 25.000 Mal pro Tag tun, ist es die mit Abstand am häufigsten genutzte, lebenserhaltende Funktion des Menschen. Ohne Essen können wir bis zu drei Wochen überleben, ohne Wasser drei Tage und ohne Luft drei Minuten. Aber von richtigen Atemtechniken haben wir keine Ahnung.
Jeden Wintermorgen wird das Eisbecken von seiner eisigen Decke befreit. So wächst der Skulpturenpark aus zahllosen Eisschollen Tag für Tag weiter (Foto: Eisbadi Arosa).
Ich sehe es wie Markus. Kälte und Atemtechniken trainieren Körper, Mindset und Durchhaltewillen und zeigen, dass wir mehr aushalten, als wir glauben. Dass Komfort nicht alles ist. Dass in der bewussten Konfrontation mit Unbehagen Wachstum liegt.
In einer Welt voller Ablenkungen und ständiger Reizüberflutung bringt das Eiswasser einen radikal in die Gegenwart. Nur das Hier und Jetzt zählt – erzwungene Achtsamkeit.
Ein Erlebnis, das man sein Leben lang nicht vergisst
Für Markus sind solche Erfahrungen Grundlage für kommende Abenteuer – die nächste Grönland-Durchquerung steht bevor. Für alle anderen kann ein Eisbad mindestens Demut vor der Natur lehren, Respekt vor den eigenen Grenzen. Gleichzeitig zeigt es, dass diese Grenzen oft weiter gesteckt sind, als wir annehmen.
Auf jeden Fall bleibt es ein Erlebnis, das man sein Leben lang nicht vergisst. Die Kälte brennt sich ins Gedächtnis ein – und mit ihr das Gefühl danach: die Wärme, die den Körper durchströmt, die Klarheit des Geistes – und das Hochgefühl, es geschafft zu haben.
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