Wo man sein grünes Wunder erleben kann

Costa Rica

28. Juni 2021
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16 Min.
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Kategorien: Alle | Costa Rica | Publikationen
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Hier blicken wir auf einen wandelnden Biotopen: Im Fell vom Dreifingerfaultier wachsen nicht nur Algen, sondern es leben auch Motten, Kakerlaken, Käfer sowie bis zu 40 weitere Tierarten darin.
So klein und dennoch voller Rekorde! Im Verhältnis zu seiner kleinen Fläche besitzt Costa Rica die höchste Biodiversität der Welt. 99 % seines Stroms wird aus erneuerbaren Quellen erzeugt. Und im angesehenen Happy Planet Index für Wohlbefinden und Nachhaltigkeit belegt es seit Jahren vor 139 Staaten den ersten Platz.

Erschienen in:

Deutschlands größtes Naturreise-Magazin
Titelstory | 12 Seiten | Text & Fotos

Flieger, Frösche, Faultiere

Mein Blick streift über unberührtes Grün bis zum Horizont. Dicht bewachsene Hügel scheinen sich zu bewegen wie eine aufgewühlte See. Zusammen mit Enrique, unserem Führer und Fahrer, und meiner Frau Annette bin ich unterwegs nach Cahuita an der Karibikküste, leicht benommen, denn Enrique hat uns um fünf Uhr früh aus den Federn gescheucht. „Heute gibt es viel zu sehen.“ versprach er. Das stimmte nicht. Denn es gab an jedem einzelnen Tag in Costa Rica viel zu sehen.

„Costa Rica ist die Brücke zwischen Nord- und Südamerika und erst vor drei Millionen Jahren aus der Karibik aufgetaucht. Und warum haben wir hier die höchsten Tierartendichte der Welt – wenn man das auf die Fläche des Landes umrechnet? Alle Tiere von Norden nach Süden, oder umgekehrt, mussten sich hier durchdrängeln. Vielen hat es hier gefallen, auch wegen des Windes und der Feuchtigkeit, und sind sesshaft geworden. Genau wie ich, haha!“

Wir staunen über Enriques vorzügliches Deutsch. Aufgewachsen in Kolumbien, studierte er später in einer Hotelakademie in Bad Reichenhall, arbeitete in verschiedenen Hotels, bevor er sich als Guide in Costa Rica selbständig machte.

Er zeigt über das grüne wellige Dschungelmeer. „80 Prozent davon sind unberührt. Ein sehr abschüssiges Terrain, da ist keine Landwirtschaft möglich. Und da unten, das ist der Camino del Carrillo, der Ochsenkarrenpfad. Auf ihm wurde der Kaffee von der West- zur Ostküste transportiert. Zuvor musste man den Kaffee von der Pazifikküste Costa Ricas über den großen Umweg Chile und Kap Hoorn nach Europa verschiffen. Da war der Camino eine gewaltige Abkürzung.“

Wir machen Pause in einem Straßenrestaurant mit einer Auslage, die sich über zwanzig Meter erstreckt. Schnell sind die Teller vollgeschaufelt mit Gallo Pinto, dem ‚gefleckten Hahn‘. Das traditionelle Gericht besteht aus weißem Reis und schwarzen Bohnen. Beides wird in einer Pfanne angebraten, durchgerührt, gewürzt und mit Beilagen wie Maistortillas, Ei und weißem Käse (queso frito) serviert.

Hoch über uns ertönt aus den Bäumen ein eigenartiges, tiefes Grunzen.

Wir passieren Cahuita an der südlichen Karibikseite. Sie gilt als Heimat der afro-karibischen Kultur mit Klängen aus Reggae und Calypso-Musik, die jetzt im Autoradio ertönt. Nach einer Weile glaube ich, die Unterschiede von Salsa, Cumbia, Son, Mambo und Merengue zu erkennen, scheitere jedoch kläglich bei der Bestimmung jedes neuen Songs – zu Enriques Belustigung. Man muss schon hier geboren sein, um die Unterschiede zu erkennen und vor allem, dazu leidenschaftlich tanzen zu können. Bei allem Entdeckergeist wird das wohl eine unzugängliche Welt für mich bleiben.

Der Parque Nacional Cahuita ist vergleichsweise klein, umfasst aber eine erstaunliche Vielfalt an Flora und Fauna, dazu weiße Sandstrände und eines der letzten lebenden Korallenriffe Costa Ricas. Der Wanderweg führt uns auf glatten Holzplanken durch den Dschungel. In den zwei Stunden bis zum Meer passieren wir gerade einmal vier andere Besucher.

Hoch über uns ertönt aus den Bäumen ein eigenartiges, tiefes Grunzen. Brüllaffen! Sie haben uns erspäht und versuchen, uns mit ihren furchterregenden Rufen zu verscheuchen. „Manchmal pinkeln sie auch vom Baum herunter.“ ergänzt Enrique. Wir sind mucksmäuschenstill und können zwei Exemplare beobachten, wie sie Früchte und Blätter in sich hineinstopfen. Dabei nutzen sie ihren Greifschwanz wie ein Halteseil, dass ihnen erlaubt, herumzubaumeln und die Hände zum Futtern frei zu haben.

Im steten Wechsel durch den Dschungel und am Strand entlang, eröffnen sich uns immer wieder wunderschöne Rastplätze und Strandabschnitte. Auf kleinem Raum bestaunen wir die Vielfalt von uralten Baumriesen, Mangrovendickichten, kleinen Lagunen und Sumpflandschaften.

Ein Baum sticht im wahrsten Sinne hervor: Der Sandbüchsenbaum. Seine glatte, graue Borke ist mit 1 bis 2 cm langen, konischen Stacheln übersät. Der weiße Milchsaft des Sandbüchsenbaumes ist sehr giftig und wurde von Fischern als Fischgift und von den Ureinwohnern als Pfeilgift genutzt. Diese wilden Zeiten sind vorbei, heutzutage ist der Stamm als Zierbaum beliebt.

Gemeinsam mit Anselmo erkunden wir Selva Bananito auf dem Pferderücken. Ein herrliches Naturerlebnis! Jürgens Schäferhunde schließen sich uns an.

Jetzt, wo aufgrund von Corona nur sehr wenig Besucher hier sind, scheint sich die Tierwelt das Terrain zurückzuerobern. Innerhalb kurzer Zeit erblicken wir die Vogelarten Birkentyrann, Pelikan, Prachtfregattvogel, und den wunderschönen Tukan. Habe ich den Zebraschmetterling, die Grüne Motte (Urania Fulgens) und die Fackel (Dryas iulia) erwähnt? Ach, es ist prächtig. Doch das Schauspiel ist noch nicht vorbei. Kurz darauf beobachten wir zwei Waschbären, wie sie emsig im Laub nach Fressbaren stöbern. Sie lassen sich von unserer Anwesenheit überhaupt nicht stören und nähern sich bis auf Armeslänge. Annette und ich sind verzaubert. Kurz vor Ende der Halbtageswanderung schaukelt sich noch eine Horde Kapuzineräffchen zu einer Show hoch. Wild, nervös, pfeilschnell und verspielt strampeln, springen und fliegen etwa zwanzig Äffchen zwischen einer Handvoll Bäume hin und her und machen sich die Futterplätze streitig. Dann wird alles noch lauter, schneller und aggressiver als sie einen grünen Leguan erspähen, der auf einem fünf Meter hohen Ast ruht und den Eindruck macht, dass nicht seine Ruhe stören könnte. Da die Kapuzineräffchen jetzt für mich keine Aufmerksamkeit übrig haben, kann ich mich ihnen nähern, mit dem Teleobjektiv im Anschlag. Ich brauche sämtliche Armkräfte, die Linse zu halten und ihnen in buchstäblich affenartiger Geschwindigkeit folgen zu können. Nach etwa zwanzig Minuten ist mein Arm mit seiner Kraft und ich mit meiner Geduld am Ende. Fix und fertig kehre ich zurück, das T-Shirt durchnässt, aber auch mit einer Handvoll anständiger Bilder auf der Speicherkarte.

Nach einem Belohnungsbier steigen wir wieder ins Auto. Fünf Minuten später nicke ich in der herrlich kühlenden Luft der Klimaanlage ein, da bremst Enrique. Was soll das? Er zeigt auf einen Baum, etwa zwanzig Meter entfernt. Ich kann nichts erkennen. Annette jauchzt. Daran erkenne ich, dass es sich um ein Faultier handeln muss. Einmal eines davon zu erblicken, dass war ihr einziger Wunsch an diese Reise. Und jetzt, am Ende des ersten Reisetages ist es schon soweit.

Das Dreizehenfaultier scheint es sich oben im Geäst gemütlich gemacht zu haben. Beide Hände ruhen unter seinem Kinn und es schaut gleichmütig in die Welt.

Bekannt sind die Faultiere durch ihre sehr langsamen Bewegungen und langen Ruhephasen. Beide Eigenschaften sind auf den extrem niedrigen Stoffwechsel zurückzuführen, der wiederum auf der energiearmen Blattnahrung basiert. In ihrem Fell wachsen Algen, die ihnen eine grünliche Färbung verleihen. Das tarnt sie zugleich vor ihren Fressfeinden wie Großkatzen oder Greifvögeln. Man könnte Faultiere fast als mobile Biotopen bezeichnen: Wissenschaftler haben im Fell mehr als vierzig Lebewesen ausgemacht, darunter Käfer, Motten und viele Schmarotzer. Faultiere sind sowohl tag- als auch nachtaktiv, strikt einzelgängerisch und halten sich häufig in den Baumkronen auf. Ein Dreizehenfaultier, so wie unser Exemplar, steigt nur etwa einmal pro Woche vom Baum, um abseits davon sein Geschäft zu verrichten. Clever, denn so können seine Feinde nicht auf seinen Wohnbaum schließen.

Selva Bananito

„Dann wollen wir mal sehen, was die Natur uns zu zeigen bereit ist.“ Anselmo Harriett schultert sein auf einem Stativ befestigtes Fernrohr und gibt uns ein Zeichen, ihm möglichst lautlos zu folgen. Annette und ich sind zu Gast im privaten, 1.750 Hektar großen Naturschutzgebiet Selva Bananito. Nur 350 Hektar sind bewirtschaftet ‑ darunter Felder, Ställe, Lodges ‑ der Rest intakter, primärer Regenwald.

Anselmo schleicht vor uns über Wege, Wiesen, Wälder und zeigt uns die erwachende Tierwelt am frühen Morgen noch vor Sonnenaufgang. Aus einem Teich lugt ein Kaimanbaby heraus, auf Ästen und in Gebüschen entdecken wir farbenprächtige Tiere mit ebenso exotischen Namen: Kahnschnabelreiher, Schwefelmaskentyrann und einen Frosch namens Schwarz-grün marmorierter Goldbaumsteiger.

Selva Bananito ist ein wichtiger Vorreiter privater Naturschutzgebiete in Costa Rica. Sein Besitzer Jürgen Stein ist deutscher Auswanderer der dritten Generation. Sein Großvater ist 1926 nach Kolumbien ausgewandert, um dort sein Glück zu finden. 1974 musste die Familie vor den FARC-Guerillas nach Costa Rica fliehen, wo Jürgens Vater das jetzige Grundstück erwarb. Neben der Landwirtschaft begann er, das Holz der Urwaldriesen lukrativ zu exportieren. 1986 übernahmen Jürgen und seine Schwester Sofia das Unternehmen und stellten alles konsequent auf nachhaltigen Tourismus um. „Mein Vater hat zwei Wochen kein Wort mit mir gesprochen.“ berichtet Jürgen. „Der alte Holzfäller war nicht begeistert. Es hat gedauert, aber irgendwann hat er eingesehen, dass der Wandel richtig war.“

„Es geht nicht um meine Familie, es geht um das Trinkwasser dieser gesamten Region“

Heute werden alle 16 Cabinas der Lodge über Solarenergie betrieben. Das Wasser kommt direkt aus der Natur und fließt auch wieder in diese ab. Jedes Detail ist Jürgen wichtig: Alle Shampoos und Duschgels in den Bädern sind vollständig biologisch abbaubar, eigene darf man ausdrücklich nicht benutzen. Es wird recycelt, kompostiert, das Holz der Bungalows ist wiederverwertet und sogar jeder Strohhalm biologisch abbaubar. Das überzeugt.

Während der Erkundung des Grundstücks betreten wir einen 20 Meter breiten und etwa 400 Meter langen Grünstreifen. Aha, eine Golf Driving Range, denke ich. Dann spaziert Jürgen zu einer etwas überdimensionierten Garage und zieht eine gigantisches rotes Mechanik-Insekt heraus. Wir trauen unseren Augen nicht:  Es ist ein Hubschrauber. „Nein, das ist ein Tragschrauber.“ korrigiert Jürgen, „Und viel sicherer als ein Hubschrauber. Wer möchte zuerst?“. Aufgeregt wie ein Sechsjähriger hebe ich den Finger. Keine zehn Minuten später heben wir ab. Es ist phänomenal. Im offenen Tragschrauber blicke ich kilometerweit über saftgrüne Baumkronen. Broccoliwald nennt Jürgen das. Tränen der Ergriffenheit steigen in meine Augen. „Das Grundstück geht hoch bis auf 640 Meter. Da hinten grenzt es an den Nationalpark ‚La Amistad‘, der wurde von der UNESCO 1983 zum Weltnaturerbe erklärt.“ Wir drehen ab, fliegen Richtung See. „Siehst Du da vorne die kleine Insel?“ , fragt Jürgen, „Das ist Uvita. 1502 hielt sich Kolumbus dort für 18 Tage auf, ging an Land und kontaktierte die ersten Ureinwohner.“

Nach 20 Minuten landen wir. Jürgen ist ganz in seinem Element: „Du hast das wichtigste Wasserschutzgebiet für 150.000 Menschen an der Küste bis Limón gesehen. Ich fühle mich verantwortlich, all das zu schützen. Es geht nicht um meine Familie, es geht um das Trinkwasser dieser gesamten Region.“

Nicht jeder ist vom Geist des Natur- und Tierschutzes so beseelt wie Jürgen Stein. Viele Ticos, wie sich die Einwohner Costa Ricas nennen, verstehen die Jagd als Geburtsrecht. „Jeder meiner Mitarbeiter hat einen Wilderer in der Familie,“ seufzt Jürgen, „denen kann man nicht mit Werten, Naturschutz und sowas kommen. Da helfen nur Zäune, Kameraüberwachung, Aufklärung in den Schulen und vor allem schärfere Gesetze.“

Und vor allem Weitermachen. Das wird Jürgen Stein tun. Solange hat die Natur hier gute Karten.

Ein Höhepunkt unserer Reise: Völlig überraschend zaubert Jürgen Stein weitab der Zivilisation einen Tragschrauber auf eine Graspiste. Es folgen zwanzig unvergessliche Minuten Rundflug über weitgehend unberührten primären Regenwald.

Bei den Cabécar in Jameikari

„Cibu Kama ist der Vater von Gott. Er hat die Welt erschaffen.“ Urbano Chavez erzählt den Ursprungsmythos der Cabécar, der mit 17.000 Mitgliedern größten indigenen Gruppe Costa Ricas. Es ist eine Geschichte von Vampiren, Exkrementen, Blut, Donner, Wind, Erdbeben, Kakao, Nabelschnüren, Torsi, Brüllaffen, Rehen, Kaninchen, Schnecken, Gürteltieren, Leguanen und plattgetretenen Flöhen.

Urbano Chavez ist eine sehr vitale Erscheinung. 47 Jahre alt, keine Falten, kein graues Haar. Was ist das Geheimnis seines jugendlichen Aussehens, will ich wissen. Er lächelt bescheiden, deutet auf unser Abendessen und antwortet „Organic food“. Begierig verschlingen wir das Mahl aus Reis, Ei und Taro-Wurzel. Schließlich liegen auch drei Stunden Wanderung durch Regen, Bäche, Sumpf und steile Anstiege hinter uns. Jetzt mampfen wir in der Bretterhütte von Urbanos Familie, seine kleinen Söhne Maximiliano und Ketelik beäugen uns dabei neugierig.

Hier im abgelegenen Dorf Jamaikari in der Talamanca-Region im Osten Costa Ricas wohnen etwa 36 Menschen. Ihre Haupteinnahmequellen ist die Landwirtschaft, vor allem der Anbau von Bananen, Yuca und Platanen. Auch Tiere werden gezüchtet, wie Hühner, Schweine, Kühe und Truthähne. Nur sehr wenige verdienen sich etwas durch Besucher hinzu, so wie Urbano.

Die Dörfer der Cabécar sind einzigartig, da sich die Häuser nicht um einen zentralen Ort gruppieren, sondern verstreut liegen, manchmal Kilometer voneinander entfernt.

Die Schwangere muss mit dem toten Vogel erschreckt werden und dessen Herz roh essen.

Viele mythische und archaische Werte bestimmen heute noch den Alltag der Cabécar, viele traditionellen Praktiken werden noch gepflegt. Willst Du Angeln oder Jagen? Iss vorher keine scharfe Soße. Willst Du Alpträume vermeiden? Streiche dir Holzkohle ins Gesicht. Willst Du in den Wald gehen? Bedanke Dich vorher bei allen Seelen des Waldes. Erweise ihnen Respekt und frage nach Erlaubnis. Im Wald hat alles seinen Besitzer. Das respektiert man. Hier ist man immer nur zu Gast.

Auch glauben die Cabécar, dass das Geschlecht eines Kindes weit vor der Geburt bestimmt werden kann. Und hat man z.B. ein Mädchen im Leib der Mutter ausgemacht, kann man es mit der Eigenschaft des Fleißes ausstatten. Dazu tötet man einen Stirnvogel, deren Weibchen gelten als sehr emsig, die Männchen hingegen als beschränkt und faul. Die Schwangere muss mit dem toten Vogel erschreckt werden und dessen Herz roh essen. Wird wider Erwarten dann doch ein Junge geboren, Pech gehabt, denn dann heißt es, aus dem armen Burschen wird nichts Gescheites.

Der wohl berührendste Moment unserer Reise: Wir entdecken ein vom Regen durchnässtes Dreifingerfaultier auf einem Baum. Als sie sich streckt, um auf einen anderen Ast zu klettert (und das dauert…), gibt sie einen Blick auf ihr Junges frei. Ein sehr seltener Anblick. Wir sind lange tief berührt.

Am nächsten Morgen begrüßt uns ein strahlend blauer Himmel, das freigeschlagene Feld rings um Urbanos Hütte dampft. Und noch etwas dampft, es ist der Vulkan Turrialba, etwa 25 Kilometer Luftlinie entfernt. Dieser zweithöchste Vulkan Costa Ricas liegt direkt neben dem höchsten, Irazú, und erhebt sich 3325 Meter über die Landschaft. Nach 150jährigem Schweigen wurde der Turrialba erst 2006 wieder aktiv und viele Siedlungen in der Nähe des Kraters mussten zeitweise evakuiert werden. Heute steigt nur eine kleinere Qualmwolke auf, sie ähnlich der Emission eines Industrieschornsteins.

Dann entdeckt Enrique einen hübschen wie gefährlichen Erdbeerfrosch. Er zählt zu den Pfeilgiftfröschen und ist toxisch, aber nicht lebensgefährlich. Das Tier ernährt sich hauptsächlich von Ameisen. Deren aufgenommenes Gift sammelt sich im Körper an und wird über die Hautoberfläche abgegeben. Fressfeinde wie Nasenbär, Kapuzineräffchen, Vogel oder Schlangen, die einen Frosch herunterschlucken, vergiften ihr Verdauungssystem, erbrechen sich und lernen dann, den Frosch ein für alle Mal von der Speisekarte zu streichen.

Tuschkasten für die Götter

Eine leichte Wanderung bringt uns heute zu einem weiteren Wunderwerk der Natur, mit denen Costa Rica reichlich ausgestattet ist. Im Nationalpark Santa Rosa ist der für viele schönste Wasserfall Costa Ricas zu bestaunen. Und das liegt vor allem an der Farbe seines intensiven hellblauen Wassers. Die Farbe des Rio Celeste wird durch die Streuung des Sonnenlichts an dem im Fluss schwebenden Aluminosilikat verursacht. Die Ureinwohner glaubten, dass Götter den Himmel blau färbten und den Rio Celeste nutzten, um ihre Pinsel darin zu waschen.

Auf dem Rückweg wundern wir uns über zwei Besucher, die auf einer Bank sitzend eine Baumwurzel anstarren als sei diese ein Götzenbild. Enrique macht eine lustige Bemerkung und dann zeigen die zwei auf die Wurzel, auf der sich erst beim genauen Hinsehen etwas abzeichnet: eine perfekt getarnte Greifschwanz-Lanzenotter. Die ist zwar giftig, aber nicht tödlich. Es ist also angeraten, auch auf viel frequentierten Wegen stets aufmerksam zu sein.

So gehen wir unsere nächste Etappe mit erhöhter Achtsamkeit an: Die Rundwanderung Las Pailas im Nationalpark Guanacaste. Die ersten drei Stunden sehen wir keinen Menschen, dafür umso mehr Tiere des tropischen Trockenwaldes. Wir beobachten ein Aguti beim Früchte knabbern. Sie zählen zu den Nagetieren und haben etwa die Größe von Bibern. Auch Nüssen, Blätter, kleinen Äste und Wurzel stehen auf dem Speiseplan.

Jäger schätzen sein Fleisch, es soll zarter sein als das von Hühnern

Unzählige orange-bunte Nymphalidenschmetterlinge kreuzen unseren Weg. Ein seltsamer Duft steigt in unsere Nasen: Schwefel. Ein paar Minuten später eröffnet sich uns ein unvergessliches Bild: Der Dschungel kocht! Fumarolen stoßen stinkige Dämpfe aus. Es zischt und blubbert aus Schlammlöchern. Kein Wunder, dass früher so mancher Tico hier den Eingang zur Hölle vermutete.

Nahe eines Dampflochs im Trockenwald legen wir Rast ein. Dann erhalten wir Besuch. Es ist ein gemeiner Schwarzleguan, der auf der Suche nach einem Sonnenplatz sein Baumrefugium verlassen hat. Die Echse ist über einen Meter lang. Jäger schätzen sein Fleisch, es soll zarter sein als das von Hühnern. Für Annette und mich unvorstellbar, wie man ein so schönes Tier töten und essen kann.

Wir beziehen ein neues Domizil, machen uns zu zweit mit der Umgebung vertraut und kehren kurz vor Einbruch der Dunkelheit zurück. Wir passieren spielende Mädchen, die für ein paar stark gestutzte Bäume zu interessieren scheinen. Einem Impuls folgend, drehe ich mich noch einmal um und blicke an einem der beschnittenen Bäume entlang. Ich entdecke ein vom Regen durchnässtes Dreifingerfaultier, das an einem Stamm herabsteigt. Dann der berührendste Moment unserer Reise: Als sie sich streckt, um auf einen anderen Ast zu klettert (und das dauert…), gibt sie einen Blick auf ihr Junges frei. Ein sehr seltener Anblick. Wir sind lange tief berührt.

La Tigra Rainforest Lodge

In der Lodge herrscht völlige Dunkelheit. Showtime für Adolfo, Manager und Guide von La Tigra. Im Kegel seiner Taschenlampe präsentiert er uns auf dem Gelände die Stars der Natur: Sanduhrenfrosch, Ochsenfrosch, Mahagoni Baumfrosch und dann einen kleineren Vertreter, bei dem man aufpassen darf: Die Kugelameise, im Englischen als Bullet Ant, Gewehrkugelameise, bekannt. Sie ist eine der größten Ameisenarten der Welt und ihr Stich zählt zu den schmerzhaftesten im Tierreich. Auf dem Stich-Schmerzindex des US-Insektenforschers Justin Schmidt erreicht sie den Maximalwert von 4. Einziger Trost: Die Schmerzen können mit Eis gelindert werden, lassen nach etwa 24 Stunden nach und das Gift hinterlässt keine bleibenden Schäden.

Am nächsten Morgen stapfen wir noch einmal tief in den Wald, vor der Sonne geschützt von mehr als siebzig verschiedenen Baumarten, darunter Fischschwanzpalmen, Zedrelen, Wanderpalmen und Regenbäumen. Wir bestaunen nimmermüde Blattschneideameisen, den truthahngroßen Rostbauchguan und fleißige Mariola-Bienen. Sie produzieren einen medizinischen Honig, der von vielen Ticos bei einer Vielzahl von Augenproblemen verwendet wird. Zudem wirkt er bei Heilung von Infektionen, Schmerzen, Atembeschwerden und als Antiseptikum bei Wunden.

Abendlicher Blick auf den Arenal, der jüngste der fünf aktiven Vulkane Costa Ricas.

Adolfo führt uns zum Aufforstungsprojekt von La Tigra. Die Idee dabei ist, einen sogenannten biologischen Korridor zu schaffen, durch den getrennte Waldgebiete durch Aufforstung wieder verbunden werden. Das Projekt wird durch Spenden für Baumsetzlinge finanziert. Unter den Spendern finden sich auch einige deutschen Unternehmen wieder, darunter die Telekom. In den vergangenen Jahren entstanden so 46 Hektar geschützter Wald, über 3.000 Bäume wurden dank Spenden angepflanzt. Dieser neue Wald bietet Tieren überlebenswichtigen Schutz beim Durchqueren. Bei der Aufforstung kommen ausschließlich heimische, oft vom Aussterben bedrohte Baumarten zum Einsatz, so wie die beiden Tostado-Bäume, die Annette heute pflanzt.

Die wesentliche Motivation vieler Spender ist die CO2 Kompensation. So wird mit jedem angepflanzten Baum der Carbon Footprint um 915 kg pro Jahr reduziert. Das überzeugt und das Projekt kommt gut voran, dennoch gibt es noch viel zu tun. Adolfo spricht von geschätzten 10.000 Bäumen, die gebraucht werden, um den Korridor erfolgreich zu schließen.

Und endlich, während des Abendessens erfüllt sich auch mein verborgener Wunsch an diese Reise. Ich bekomme den geheimen Star des Landes vor die Linse: Einen Rotaugenlaubfrosch. Ich stehe nur zwei Meter von unseren Tellern entfernt an einer Grünpflanze, neben mir Adolfo, der mit Regenschirm und Lampe assistiert. Den leuchtend roten Augen der Amphibie scheint nichts zu entgehen. Unzählige Male vorher hat er mich schon angeblickt, von Postkarten, aus Bildbänden oder als Stofftier im Museumsshop. Endlich kann ich den Blick erwidern. Im Kamerasucher werden Dank Makrolinse alle Details seiner farbintensiven Schönheit sichtbar: Riesige Pupillen, orangefarbene Hafthände und -füße, hellblaue Streifen an Leib, Oberarmen und Oberschenkeln, weißer Bauch und ein Körper, der wie von grasgrünem Glanzlack überzogen scheint.

Nach Adolfos Nachtwandershow vom Vortag fühlt sich das fast wie eine Zugabe an. Womit haben wir das verdient? Wir wissen es nicht. Wir wissen nur, dass wir uns von der Natur und den Menschen Costa Ricas reich beschenkt fühlen. Um unzählige Eindrücke reicher, mit viel Respekt, Demut und Dank kehren wir in unsere Heimat zurück.

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