Expedition in die "grüne Lunge" Brasiliens

Amazonas

1. April 2020
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13 Min.
Pinon, Häuptling der Tucano, in seinem Dorf am Amazonas. Stolz präsentiert er seinen Kopfschmuck, dekoriert mit Papageien-Federn.
Tief im Amazonasgebiet befindet sich ein Ort, an dem man, umgeben von der Wildnis und all ihren Bewohnern, den Regenwald auf außergewöhnliche Weise erleben kann. Malte Clavin ist hier auf Entdeckungsreise gegangen.

Erschienen in:

Deutschlands größtes Naturreise-Magazin
14 Seiten | Text & Fotos

Im flackernden Licht des langsam verglimmenden Lagerfeuers scheint der Schatten des giftigen Stachels auf dem Schwanz des Skorpions größer zu sein als er ist. Dennoch, das ist kein kleiner Bursche. Angezogen von dem Licht und der Wärme der Flammen krabbelt ein neugieriger zehn Zentimeter langer Körper über die halbverfallenen Blätter des Dschungelbodens unter meiner Hängematte. Die nachtaktiven Kreaturen des Dschungels scheinen sich jetzt zu einer Lagerfeuerparty zu treffen. Ich bin zwar kein Spinnenexperte, aber der haarige Kumpel des Stacheltiers, der jetzt vorbeitrottet, sieht einer Tarantel verdammt ähnlich. Obwohl sie für die Menschen nicht gefährlich sind, frage ich mich, ob sein extrem giftiger Neffe, Phoneutria nigriventer aus der Familie der brasilianischen Wanderspinnen, auch irgendwo lauert. Denn anstatt Netze zu spinnen, suchen sie lieber den Dschungelboden nach Nahrung ab. Um uns herum gurrt, pfeift, schreit, brüllt und klopft es. Die männlichen Zikaden sind dabei die Schrillsten. Um Weibchen zu imponieren, dröhnen sie mit über neunzig Dezibel lauter als ein Motorrad. Dazu noch ein Laubfroschkonzert samt einer Symphonie aus raschelnden und klappernden Blättern und die Kakophonie ist komplett. Willkommen in unserem brasilianischen Nachtlager.

Hier im Amazonas ist der Dschungel wild, ungezähmt, ein sprühender Organismus, in dem alles verbunden zu sein scheint. Hier ist der Mensch kein Herrscher, sondern ein Besucher. Demut ist angebracht, Vorsicht geboten. Jeder, der denkt, dass er hier einfach so hinein spazieren kann, riskiert Leib und Seele. Die Auswahl illustrer Möglichkeiten, im Regenwald zu sterben, ist groß.

Die Auswahl illustrer Möglichkeiten, im Regenwald zu sterben, ist groß.

Führer Samuel Basilio kennt den Dschungel wie kein anderer. Als Späher in der brasilianischen Armee war er zwei Jahre lang ununterbrochen in der Mitte dieses Waldes stationiert, abhängig von dem, was er in der Wildnis zum Überleben fand. Und wie man überlebt, das ist seine zweite Natur als Nachkomme der zweiten Generation aus zwei indigenen Indianerstämmen: dem Baré väterlicherseits und dem Baniwa mütterlicherseits.

Manaus

Es scheint Jahrhunderte her zu sein, seit wir vorgestern Manaus, die Hauptstadt des Amazonas, die größte der 26 brasilianischen Provinzen, verlassen haben. Zum Vergleich: Die Provinz Amazonas ist so groß wie Frankreich, Deutschland und Spanien zusammen. Deutschland passt hier 4,4 Mal hinein. Dennoch ist das Gebiet dünn besiedelt, nur vier Millionen Menschen leben hier, die Hälfte davon in Manaus. Während des Kautschukbooms ab etwa 1880 wurde die Stadt sehr reich. Als der Gummipreis ab 1910 deutlich zurückging, verfiel die Stadt.

Manaus sieht unwirklich aus. Eine Mega-Stadt voller hässlicher, von Schimmel befallener Betonkolosse mit wenigen erhaltenen Juwelen aus der Glanzzeit. Wie die neoklassizistische Oper ‚Teatro Amazonas‘ aus dem Jahr 1896. Sie gilt als exzentrischer Höhepunkt der Kautschukbarone. Ein Großteil der Baumittel wurden importiert, darunter auch Marmor aus dem italienischen Carrara.

Was für ein Standort für eine Millionenstadt: mitten im feuchten Dschungel, am Ufer des Rio Negt und des Rio Solimões, die sich unweit Manaus zum Amazonas vereinen. Ein Spektakel namens ‚Encontro das Águas‘, portugiesisch für ‚Begegnungswasser‘. Auf sechs Kilometer Breite fließt hier das warme blauschwarze Wasser des Rio Negro mit dem kühleren sandfarbenen Wasser des Rio Solimões zusammen.

Der Zusammenfluss der mächtigen Urwaldströme Rio Solimões und Rio Negro zum Amazonas. Unser Boot links oben.

Wer nach Manaus reisen möchte, tut das am besten mit dem Flugzeug oder dem Boot. Das Straßennetz ist marode. Oft sind die Wege zugewachsen oder in der Regenzeit ganz weggewaschen. Außerdem sind die Entfernungen enorm. Die Fahrstrecke von Rio de Janeiro nach Manaus beträgt über 4.300 Kilometer. Zu Vergleich: Das entspricht der Luftlinie von Berlin bis zum Nordpol.

Manaus ist unser Stopover auf dem Weg zu Vanessa Marino und Leo Principe, etwa 140 Kilometer nördlich von Manaus in der Gemeinde Presidente Figueiredo. Die ursprünglich aus Venezuela stammende Vanessa und der französisch-italienische Naturschützer und Fotograf Leo kauften hier vor einigen Jahren über 270 Hektar Land. Sie errichteten dort ihr Haus, in dem sie mit ihren drei Kindern und Vanessas Mutter leben. Und auch ein Gästehaus bauten sie auf dem Gelände. Mit ihrer Firma ‚Amazon Emotions‘ empfangen sie in kleinem Rahmen Besucher und vermitteln ihnen die Schönheit des Regenwaldes. Der Empfang ist so herzlich und warm, dass ich mich gleich wie ein Freund der Familie fühle und nicht wie ein zahlender Gast.

Lungen der Erde

Von der Veranda des Gästehauses, in meiner Hängematte liegend, blicke ich auf den Primärregenwald. Ich schließe die Augen – kein leichtes Unterfangen für mich bildfixierten Fotografen. Ich zähle die Klänge im Urwaldpanorama. Als ich zehn erreiche, gebe ich auf. Ich höre Tüpfelguane, die die Brasilianer nach den Lauten getauft haben, die sie von sich geben: Aracuã. Von links setzen Brüllaffen ein, dann Papageienschreie und weitere mir unbekannte Vögel und Insekten.

Das Dach des Dschungels färbt sich violett von den Blumen zwischen den weißen Nebelschwaden. Düfte von frischer Fäulnis, Erde, Hitze und Humus durchdringen meine Nase. Der Geruch von Fruchtbarkeit. Es ist fast unwirklich, dieser Blick über die lilafarbenen Bäume, dieser Anblick eines unberührten Planeten.

Leo Principe verlor vor vierzig Jahren sein Herz an den Amazonas und alles, was dort lebt und blüht. „1989 war ich Kapitän einer luxuriösen Segelyacht. Wir segelten für eine Weile über den Amazonas. Ich war von der Schönheit der Natur überwältigt und beschloss, zurückzukehren“, sagt Leo. „Vier Monate später war es soweit. Ich hatte einen Termin mit dem INPA (Anm.: Instituto Nacional de Pesquisas da Amazonia, dem nationalen Amazonas-Forschungsinstitut). Es ging um einen Fotoauftrag über Flussdelfine im Amazonas. Ich flog von Barbados nach Manaus, schaute aus dem Fenster und konnte meine Augen nicht mehr von dem grünen Meer der Bäume abwenden. Und so bin ich geblieben.“

Von links setzen Brüllaffen ein, dann Papageienschreie und weitere mir unbekannte Vögel und Insekten.

In den folgenden Jahrzehnten dokumentierte Leo große Teile der Flora und Fauna des Amazonas. Er veröffentlichte seine Arbeiten in Fotobüchern und internationalen Magazinen. 60% Prozent der Biodiversität des Amazonas sind in den Baumkronen zu finden. Leo entwickelte eine nicht-invasive Technik, um die Waldgiganten des Regenwaldes zu besteigen und dort oben fotografieren zu können. Sein Ziel: die Menschen auf den Reichtum dieses Gebietes aufmerksam zu machen, das nicht umsonst die grüne Lunge der Erde genannt wird.

„Nachdem ich 1998 mit Vanessa zusammenkam, reisten wir ein Jahr lang im Wohnmobil durch Brasilien“, erzählt Leo. Eine Reise, die zu einem neuen Abschnitt in ihrem Leben führte. „Wir wollten mehr über ökologisches Bauen, saubere Energie, nachhaltige Wege im Umgang mit dem Dschungel erfahren. Naturschutz ist für uns eine Lebensphilosophie. All das, was wir an Wissen gesammelt und in unserem Land umgesetzt haben, wollen wir an unsere Kinder und unsere Gäste weitergeben.“ Leo und Vanessa unterrichten ihre Kinder Geo (18), Kinan (17) und Kena (12) selbst, jedoch nur, wenn diese es aktiv einfordern. Die meiste Zeit wählen die Kinder, wie sie ihren Tag verbringen. Das scheint wunderbar zu funktionieren. Geo lernt jetzt Japanisch, seine fünfte Sprache.

Es ist der berührendste Moment meiner Reise: Kena (12 Jahre) fällt der Abschied von ihrer Mutter Vanessa nicht leicht.

Schwarze Erde

Leo ist fasziniert von den landwirtschaftlichen Techniken der alten Zivilisationen, insbesondere von Terra Preta. „Terra Preta ist ein sehr fruchtbarer schwarzer Boden, der zehn Prozent des Amazonasbeckens bedeckt“, sagt Leo auf dem kleinen Feld, auf dem er versucht, diesen künstlichen Boden zu reproduzieren. „Dieser Boden ist sehr fruchtbar und laugt kaum aus. Man nutzt ihn hier schon seit über zweieinhalb Tausend Jahren. Du stellst ihn her, indem du Holzkohle von bestimmten Pflanzen erzeugst und sie dann mit der vorhandenen Erde mischst.“ Terra Preta wirkt wie ein wasser- und nährstoffhaltiger Schwamm: sie fördert die Bildung von Mikroorganismen und die Freisetzung von Humusstoffen. Das gewährleistet eine langfristige Nährstoffversorgung des Bodens.

Leo forscht auch nach anderen Spuren vergessener Zivilisationen. Er zeigt mir Luftbilder, auf denen große Kreise sichtbar sind. „Wir haben herausgefunden, was diese Kreise waren: riesige Fischteiche. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Indianer diese Fischteiche ausgehoben haben, sie sind eindeutig von Menschen angelegt worden. Um die Teiche herum gab es mehrere Arten von fruchttragenden Bäumen wie Açaí und Lupuna. Sie wurden so ausgewählt, dass sie das ganze Jahr über Früchte produzieren. Da die Bäume am Wasser standen, fielen die Früchte in den Teich. Futter für die Fische. Das ganze Jahr über. Ohne dass die Indianer selbst etwas tun müssen. Genial, oder?“. Leo tippt mit seinem Zeigefinger auf den Boden. „So einen Teich will ich hier auf unserem Land bauen.“

Wir haben herausgefunden, was diese Kreise waren: riesige Fischteiche.

Höhlenreinigung

„Willst du mal probieren?“ Leo winkt mich zu sich und gibt mir eine Art Bambusstrohhalm mit zwei Enden. Er öffnet eine kleine Kiste und entnimmt mit Daumen und Zeigefinger ein braunes Pulver. „Damit reinigen die Indianer ihre Höhlen.“, erklärt er mit einem Fingerzeig auf seine Nase und schelmischem Lächeln. „Ich mach‘ dir das mal vor.“ Leo friemelt das Pulver in ein Ende des Halmes und steckt sich dann den Halm in den Mund. Das andere Ende führt er in eines seiner Nasenlöcher. Dann pustet er. Leos Gesicht verzieht sich. Jetzt reicht er mir den Bambusstrohhalm. Ich füttere den Halm mit Pulver und blase ihn in meine Nase. Ein scharfer Blitz schießt durch meinen Kopf, Tränen füllen meinen Augen. „Gut. Jetzt putz‘ dir die Nase.“ Danach ist mein Kopf drastisch leer, gefühlt doppelt so groß und ich rieche alles dreimal so intensiv. „Im Dschungel brauchst du alle deine Sinne“, erklärt Leo, „eine verstopfte Nase kann ein Handicap sein. Mit diesem Geheimrezept löst du das Problem.“

Leos Worte gehen mir durch den Kopf als wir später durch den Regenwald wandern und nach einem guten Ort für unser Nachtlager suchen. Führer Samuel weist uns den Weg. Mit seiner Machete schlägt er gelegentlich Pflanzen ab, die uns den Weg versperren. Plötzlich hält er an und reißt seine Handfläche hoch. Langsam, fast unheimlich, bewegt er seinen Kopf in alle Richtungen und schnuppert die Luft. Er flüstert: „Kannst du es riechen?“ Auch ich schnüffle an der Luft, komme aber nicht weiter als feuchte Erde, verrottende Pflanzen und Pollen tropischer Blumen. Samuel nickt in nördlicher Richtung. Ich richte meine Nase in die gleiche Richtung ohne Ahnung, was er mir eigentlich sagen will. Dann flüstert er: „Jaguar“. Schlagartig bin ich so wach wie nach dem Pulver-Nasenschuss. Ich schaue mich um. Jaguare haben die Angewohnheit, ihre Beute von hinten anzuspringen, um deren Schädel mit einem Biss außer Gefecht zu setzen. Gestern noch erzählte mir Samuel, dass ein Mitglied seiner Familie von dem nächtlichen Jäger angegriffen und verschleppt worden war. 

Jaguar versus Mensch

Ich höre etwas rascheln und zucke zusammen. Doch Samuel entspannt sich und aus seiner Haltung schließe ich, dass die Gefahr wohl gebannt ist. „Als mein Familienmitglied verschwand, haben wir nicht versucht, den Jaguar aus Rache zu töten. „, erzählt er. „So erlegten wir ein Wildschwein und ein Wasserschwein und boten sie dem Jaguar an – als Austausch für die Knochen unseres Verwandten. Wir respektieren den Jaguar. Im Dschungel ist er der König.“

Samuel richtet seine Machete auf, kappt einen Ast und hält das verbleibende Stück mit seinem Daumen auf der Spitze. „Öffne deinen Mund“, bittet er meine Begleitung Cathy. Zu aller Verwunderung gießt er ihr kühle Flüssigkeit in die Kehle. Samuel erklärt, dass der Ast in Wirklichkeit die flüssigkeitsspeichernde Wurzel einer Kapokbaumart ist. „Man muss wissen, wo man schneiden muss.“, erklärt er. „An der richtigen Stelle schädigst du den Baum nicht und in nur einer Woche wächst ein neuer Ast heraus. Wenn du den Dschungel gut kennst, musst du nie Hunger oder Durst leiden.“

Im Dschungel muss niemand verdursten: Kletterpflanzen speichern große Mengen an Wasser.

Wir kehren zu unserem Basislager zurück. Nur wenige Stunden zuvor war hier eine lichte Ebene. Jetzt stehen wir inmitten eines voll funktionsfähigen Dschungelcamps. Der verbleibende Teil unserer Gruppe hat zusammen mit Vanessa, Leo und ihren Kindern Hängematten zwischen Ipé-Bäumen aufgehängt und jede Matte mit einem natürlichen Regendach aus zwei Schichten riesiger Philodendronblätter versehen. Im Zentrum des Lagers thront ein Grilltisch aus Holzpfählen, die vom Dschungelboden aufgelesen wurden. Darunter leuchtet ein oranges Feuer. Auf dem Tisch braten zwei riesige Tambaqui-Fische. Samuel verteilt Palmblätter als Teller und Holzlöffel, die er gerade aus gefallenen Ästen herausgeschnitten hat.

Freche Affen

Meine Reisegefährten schlafen in ihren Hängematten, ich döse und beobachte den wachenden Samuel. Vor einer Stunde noch haben wir die zwei Tambaqui genüsslich verspeist. Der Tambaqui ist ein sehr fetter Fisch, der – so nimmt Leo an – wahrscheinlich in den alten Fischteichen lebte. Er ernährt sich von Nüssen und Baumfrüchten, die entlang des Amazonasflusses wachsen. Habe ich jemals köstlicheren Fisch gegessen? Ich kann mich nicht erinnern.

„Diese kleinen Bestien haben scharfe Zähne, mit denen sie sich dir an den Hals werfen.“

Samuels starke Lampe erhellt die Baumkronen. Da oben raschelt es. Neugierig klettere ich aus meiner Hängematte, stelle sicher, dass ich nicht auf Skorpione oder andere Tiere trete und nähere mich Samuel. Was passiert da oben? „Nachtaffen“, flüstert er, „Mit dem Licht halte ich sie auf Distanz. Sie sind neugierig und werden vom Feuer angelockt. Eine größere Gruppe könnte uns sogar angreifen. Diese kleinen Bestien haben scharfe Zähne, mit denen sie sich dir an den Hals werfen.“ Ich warte auf ein schelmisches Lächelns, was den letzten Satz als Scherz entlarvt. Vergeblich.

Ich starre durch das dunkle Laub und sehe nichts. Meine Taschenlampe hilft auch nicht weiter. Meine untrainierten Sinne können keine subtilen, dschungelspezifischen Bewegungen und Geräusche wahrnehmen, so wie Samuel es kann. Ich gebe auf, sage gute Nacht und schäle mich in meine Hängematte. Mit Samuel auf der Hut und vom Schwingen meiner Hängematte begleitet, drifte ich ins Reich der Träume.

Nie habe ich länger für einen Höhenunterschied von 45 Meter gebraucht: Eineinhalb Stunden dauerte mein Arm- und Beinkampf am Seil – bei Windstille und 30 Grad. 

Abhängen in der Baumkrone der Schöpfung

Unsere Wanderung zurück zur ‚Amazon Emotions‘ Lodge dauert etwa zwei Stunden. Dort spülen wir den Dschungeldreck in den Außenduschen ab und verschlingen danach eine Energieladung für die nächste Kapriole: Mangosaft und Schalen mit frischem Açai, einer Mischung aus Müsli, Cuia-Kürbis und Bananen, belegt mit getrockneten Kokosnussscheiben.

Ausgerüstet mit Helm, Klettergurt und Handschuhen stehe ich vor einem 50 Meter hohen Urwaldgiganten, einem Baum namens ‚Angelim ferro‘ (lat. Dinizia excelsa). Diese Baumart aus Hart- bzw. Eisenholz ist in der Holzbranche begehrt, sie gilt als sehr dauerhaft. Tischler fertigen aus dem Holz hochwertige Möbel.

Und da sollen wir jetzt hoch? „Ja,“, nickt Leo, „der Ausblick oben ist fantastisch. Also los.“ Schon hat er mich in eines der endlosen roten Langseile eingespannt, die wie Lianen von der Baumkrone herunterhängen. Ein zweites Seil, etwa 1,40 Meter lang – am oberen Ende mit Griff und unten mit Trittbügel versehen –verbindet mich mit dem Langseil. Damit soll ich mich aus eigener Kraft in die Höhe ziehen? Es folgt ein Workout, das sich gewaschen hat: einarmiger Klimmzug mit gleichzeitiger einbeiniger Kniebeuge, in gefühlt endloser Wiederholung. Nach nur wenigen Höhenmetern muss ich pausieren. Ich keuche, mein Puls trommelt, Schweiß läuft mir in die Augen. Um mich herum ist es windstill, schwül und dreißig Grad. Durchatmen. Weiter. Eine Stunde später bin ich oben. Die Wasserflasche ist längst leer, Hose und T-Shirt klitschnass geschwitzt. Mein Gemüt voller Erschöpfung macht Platz für ein Quäntchen Stolz.

Ich lasse mich in eine Hängematte hineinplumpsen, die Leo hier oben aufgespannt hat. Der sanfte Weißhaarige ist als letzter gestartet und als erster oben angekommen. Erschöpfung ist dem Profi-Arboristen – so die offizielle Bezeichnung der Baumkletterer – keine anzusehen. Wie ein Gibbon kraxelt er zwischen Ästen, Gästen und Hängematten. Erstaunlich.

Die Aussicht über das Dach des Regenwalds ist großartig. Die Sonne strahlt orangefarbenes Gegenlicht durch das Blattwerk. Ein Fischtukan fliegt vorbei, in den Baumkronen nach Insekten und Früchten suchend. Sein grell-bunter Schnabel, fast viermal so groß wie sein Kopf, ist dafür hervorragend geeignet. Unter mir verschwindet der Dschungelboden langsam im Schatten der Dunkelheit. Die Lautstärke des Soundtracks nächtlicher Tiergeräusche nimmt zu. Ich betrachte demütig die dicken Äste, die meine Mitkletterer und mich hier oben tragen. Erst als die Sonne ganz verschwunden ist, seilen wir uns wieder auf sicheren Boden ab.

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