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Text & Fotos: Malte Clavin
Mein dritter Tauchgang dauert 47 Sekunden. Das türkisfarbene Wasser um mich herum klickert und blubbert. Ich tauche mit dem Blick nach oben, einen Meter unter der Eisdecke des zugefrorenen Steinbruchsees bei Taivassalo.
Mein Kopf ist dem Grund jetzt am nächsten
Kleine Luftblasen irren am Eis über mir herum, als suchten sie einen Ausweg. Ich stoppe, presse die Fußsohlen gegen die Eisdecke, strecke meinen Körper und blicke lotrecht in die Tiefe, mein Kopf ist dem Grund jetzt am nächsten.
Die ersten beiden Tauchgänge konnte ich gar nicht schnell genug die 20 Meter vom Einstiegs- zum Ausstiegsloch zurücklegen, doch jetzt nehme ich mir Zeit, in der Lunge ist genug Luft.
Gruppenfoto mit Kursleiter Leigh Ewin (vorne).
Wenige Sekunden später, eine gefühlte Ewigkeit, umklammern meine Hände wieder die weiße Sicherheitsleine und ziehen mich weiter. An einer kurzen Ausstiegsleiter trete ich zurück auf die Eisdecke. Jetzt schwanke ich wie betrunken.
„Deinem Hirn fehlt Blut.“
„Brain Freeze“, lacht Leigh Ewin. „Deinem Hirn fehlt Blut. Das steckt noch im Körperinneren, um dein Herz warmzuhalten.“ Der australische Freitauchlehrer, Anfang 40, steht im schwarzen Wintermantel am Rand des Eislochs, neben ihm sein Assistent. Im Wasser warten zwei Sicherheitstaucher, am Ufer des zugefrorenen Sees – 50 Meter entfernt – neun weitere Gäste.
Tauchen unter Eis – nur in Badehose. Warum tue ich mir das an? Die Frage stellten mir Freunde bereits Wochen vor der Abreise.
Dreimal eiskaltes Glück: Brain Freeze.
Als Fotograf suche ich Bilder, die niemand vergisst. Als Mensch interessiert mich, wo meine Grenzen liegen. Und als Journalist ergründe ich, was passiert, wenn man diese Grenzen überschreitet. Dazu stelle ich allgemeine Annahmen auf den Prüfstand, wie: „Du holst dir ja den Tod!“ – was jeder kennen dürfte, der sich als Kind vor dem Haus in Strümpfen in den Neuschnee stürzen wollte. Ist Kälte wirklich so lebensgefährlich? Kann man ihr nicht auch etwas abgewinnen?
Da schlug mein Entdeckerherz höher.
Studien belegen positive Effekte von Kälteexposition. Drei Minuten Eiswasserbad können Marker im Blut, die Entzündungen im Körper anzeigen, über fünf Tage signifikant herunterregeln, der Körper wird weniger anfällig dafür. Das hat mich neugierig gemacht. Ich experimentierte mit Kaltduschen, Atemtechniken und Eisbädern. Schließlich entdeckte ich einen Kurs, der Freitauchen unter Eis anbietet. Es hieß, dies sei der einzige Kurs weltweit. Da schlug mein Entdeckerherz höher. Ich meldete mich an und reiste nach Finnland.
Luftaufnahme des Sees nahe der Seminarlocation.
30-mal einatmen und Luft anhalten
Drei Tage vor dem Eistauchgang. Knapp 50 Kilometer von Helsinki entfernt liegt die Lakeside Cottage Villa Paratiisi in Otalampi – unser Zuhause für die Dauer des Kurses. Unter den Teilnehmern befinden sich unter anderem ein Ex-Profiboxer aus Hamburg, ein israelischer Kryptoinvestor, ein deutscher Kältecoach und ein britischer Banker mit seinen beiden Söhnen.
Der niederländische „Ice Man“ Wim Hof
Am nächsten Morgen weist uns Leigh in die Wim-Hof-Atmung ein, entwickelt vom niederländischen „Ice Man“ Wim Hof, der die gesundheitsfördernden Aspekte des Kaltduschens und Eisbadens in Studien nachwies.
Die Technik besteht aus mehreren Atemzyklen mit jeweils etwa 30 Atemzügen. Bequem auf dem Boden liegend, atmet man sehr tief mit dem Zwerchfell ein, um dann die gefüllte Lunge zu entspannen – ohne die Luft aktiv herauszupressen. Dadurch reichert sich Sauerstoff im Blut an.
Erstes kurzes Eisbad im zugefrorenen See. Viele weitere werden folgen.
Der 30. Atemzug ist maximal tief. Dann instruiert Leigh: Luft anhalten. Warten.
In der ersten Minute ist da nur Stille. Doch dann meldet sich der Atemreiz, das Zwerchfell zuckt. Der Kampf beginnt.
„Entspannt euch in den Schmerz hinein.“
Normalerweise würde ich jetzt nach Luft schnappen, doch Leighs Stimme führt uns durch den Widerstand. „Entspannt euch in den Schmerz hinein“, sagt er. Es ist eine paradoxe Erfahrung: Während mein Verstand Alarm schlägt, gleitet mein Körper in einen Zustand tiefer Vibration. Hinter meinen geschlossenen Lidern beginnen violette Farbschleier zu pulsieren. Die Zeit verliert ihre Linearität, ich existiere, ohne zu atmen.
Alle Teilnehmer nach mehreren Eis-Testbädern.
Irgendwann zählt Leigh einen Countdown von zehn bis null. Einatmen. Nächster Zyklus. Schaltet einen Gang hoch“, instruiert Leigh, „erhöht das Tempo.“ Wieder 30 Atemzüge, nur schneller. Aber jetzt heißt es: „Leere Lunge. Ganz ausatmen. Sanft.“ Wieder warten. Jetzt erfasst mich ein leichter Schwindel. Bei anderen geht es extremer zu, wie ich später erfahre: Kribbeln am ganzen Körper, halluzinatorische Farbflächen, die Zeit verschwimmt.
Drei Minuten. Unglaublich.
Mit jedem Zyklus erhöhen wir das Atemtempo, zuletzt mit Maximalgeschwindigkeit. Und wie lange haben wir am Ende die Luft angehalten? Leigh verrät: Drei Minuten. Unglaublich.
Daniel hat sich vor seinem zweiten Tauchgang im Saunazelt aufgewärmt.
In einer Pause komme ich mit Daniel Ruppert, dem Kältecoach aus Berlin, ins Gespräch. Der frühere Architekt, Anfang 50, landete zweimal im Burn-out, bevor „das Eis“ und Atemtechniken ihn zurück ins Leben holten. „Unser Körper ist für Kälte gemacht, erklärt Daniel. „Tausende Generationen vor uns zitterten in eisigen Wintern, durchquerten Gewässer, hungerten monatelang. Unzählige metabolische Winter haben unsere Körper widerstandsfähig gemacht. Heute nutzen wir das kaum noch.“
Die Komfortzone ist die neue Gefahrenzone
Die Komfortzone, meint Daniel, sei die neue Gefahrenzone. Viele moderne Krankheitsbilder ließen sich auf physische Unterforderung und übermäßige Ernährung zurückführen. „Ein Eisbad von drei Minuten bringt niemanden um“, sagt Daniel. „Es erhöht den Ausstoß von Serotonin, Melatonin, Testosteron, Dopamin – bei manchen bis zu 300 Prozent. Das alles ist in Studien nachgewiesen.“
Ein Meter weit unter dem Eis
Draußen liegt die Temperatur knapp unter null Grad Celsius. Nur in Badeklamotten treten wir im Gänsemarsch vor ein kleines Eisloch im zugefrorenen See, 20 Meter von der Hütte entfernt.
Leigh Ewin gibt letzte Instruktionen vor dem Eistauchen.
Leigh gesellt sich dazu. Experten unter sich. Jetzt entspinnt sich ein Fachdialog über Vasodilation, Braunfettgewebe, Neuropeptid Y, Theta-Gehirnwellen – ich komme nicht mehr mit.
Nach wenigen Augenblicken flüchtete ich schreiend.
Ich frage Leigh, wie er als Australier auf diesen Eiskurs kam? „Ich kam der Liebe wegen nach Finnland, arbeitete zuerst als Praktikant in Espoo. Meine Kollegen lockten mich mit gezückten Handys in ein Eisbad. Nach wenigen Augenblicken flüchtete ich schreiend. Die Kollegen lachten, teilten die Videos, kommentierten: Schau mal, unser Praktikant. Er liebt Kälte!“
Oki sägt einen Dreieckspool frei. In nur einer Stunde friert dieser wieder zu.
Die Demütigung wiederholte sich im nächsten Winter. Leigh schwor sich, das nicht nochmals zu erleben. Er experimentierte mit Meditation, Biohacking und Atemtechniken. „Irgendwann hielt ich es im Eis länger aus als meine Kollegen. Dann lachte nur noch einer.“ Ermuntert durch seinen Erfolg begann Leigh, tiefer in die Materie einzusteigen.
Das war die Geburtsstunde des Freitauchens unter Eis.
Er ließ sich in verschiedenen Atemtechniken unterweisen, erlernte Freitauchen und zertifizierte sich als Wim- Hof-Instruktor. „Eines Tages war ich jemand, der andere ins Eis führte. Wichtiger noch, ich konnte Menschen befreien von etwas, was sie ihr Leben lang blockierte: Angst. Das hatte etwas Kettensprengendes.“ Er fing an, seine Passionen zu kombinieren. Das war die Geburtsstunde des Freitauchens unter Eis.
Die Seminarlocation etwa zwei Autostunden von Espoo entfernt. Im Vordergrund sind die beiden Eisbadestellen zu erkennen.
Ein Überfall auf das Nervensystem
Unter genauer Beobachtung und Anleitung von Leigh gleitet jeder einzeln ins Wasser.
Der erste Moment ist ein Schock, ein Überfall auf das Nervensystem. Als das schwarze Wasser meine Brust erreicht, brennt meine Haut wie Feuer – eine paradoxe Reaktion der Nervenenden auf die extreme Kälte. Mein Atem will stocken, ein Keuchen entweichen, doch ich zwinge mich zur Ruhe. Ausatmen. Langsam. Erst nach 30 Sekunden weicht der stechende Schmerz einer seltsamen, prickelnden Taubheit.
Nach dem Eisbad wir noch einer draufgelegt: Ausgelassenes Herumwälzen im Schnee.
Beim ersten Eintauchen bleibt der Kopf über Wasser. Es folgt ein Aufwärmen in der Sauna.
Gleich danach startet der zweite Eisgang, diesmal mit Taucherbrille und für ein paar Sekunden unter Wasser.
Die Übung dient der Habituation
Beim dritten Gang wird ein Schnorchel angelegt und so die Tauchzeit ausgedehnt. Die Übung dient der Habituation, der Gewöhnung. Es geht darum, den Körper durch wiederholtes Eintauchen ans Kaltwasser zu gewöhnen, dem Körper zu vermitteln, dass ihm keine Gefahr droht, und etwaige Fluchtreflexe zu mildern. Denn die könnten unter dem Eis mangels Ausstiegsmöglichkeiten verheerend sein.
Sieben Minuten Summen im Eisbad. Das stimuliert den Vagusnerv, der wiederum den Herzschlag drosselt.
Am Nachmittag steigen wir zu dritt in einen größeren Dreieckspool, den sein Assistent zuvor aus dem Eissee frei gesägt hat. Summend verharren wir sieben Minuten im Eis, jeder in einer Ecke. Das Summen stimuliert den Vagusnerv, der die Kommunikation zwischen Hirn, Magen und Herz verstärkt und den Herzschlag drosselt – wodurch längeres Verweilen im Eis möglich wird.
Ein Mann in einem extravaganten, goldenen Ganzkörpertrockenanzug
Am frühen Morgen des dritten Tages, dem finalen Tauchtag, verlassen wir die Villa Paratiisi und fahren etwa 2,5 Autostunden zu einem zugefrorenen Steinbruchsee nahe Taivassalo.
Dort begrüßt uns ein Mann in einem extravaganten, goldenen Ganzkörpertrockenanzug. Auf dem Rücken prangt sein Name in großen Lettern: Miro Suonperä. Er ist der finnische Rekordhalter im Streckentauchen mit über 200 Metern und einer der beiden Sicherheitstaucher. Der andere ist sein Vater. Dank ihnen fühlen wir uns sicherer.
Daniel ist bereit fürs Eintauchen und signalisiert Sicherheitstaucher Miro das OK-Zeichen.
Am Ufer des Sees dampft ein winziges Saunazelt für maximal drei Personen, es dient dem Aufwärmen nach den Eistauchgängen. Wir legen die Winterklamotten bis auf Badehose ab.
Ich bin an der Reihe.
Wer mag, streift sich Badehaube, Handschuhe oder Tauchsocken über, um die kälteempfindlichsten Körperteile zu schützen.
Ich bin an der Reihe. Leigh winkt mich heran und legt mir einen Sicherheitsgürtel an. Dieser ist mit einer Leine verbunden, die vom Einstiegs- bis zum Ausstiegsloch führt. So kann ich nicht verloren gehen. Miro und Leigh strecken ihre Daumen in die Höhe. Es geht los.
Luftaufnahme der Einstiegs- und Ausstiegsstelle.
Ich tauche ein, ergreife die weiße Sicherheitsleine und ziehe mich hastig etwa einen Meter unter der Eisdecke entlang. Nach 17 Sekunden taucht mein Kopf aus dem Wasser. Wirklich genießen konnte ich es nicht.
Ich blicke in diese fremde Welt.
Beim zweiten Tauchgang lasse ich es langsamer angehen. Ein paar Meter vor dem Ausstieg lege ich eine Pause ein. Die Beine haben starken Auftrieb. Ich presse die Sohlen gegen das Eis, blicke in diese fremde Welt. Das Licht bricht sich im Wasser, kleine Luftblasen steigen auf.
Abschiedsgruppenfoto, nachdem jeder der zehn Teilnehmer mindestens zwei Freitauchgänge unter dem Eis absolvierte.
Ich bin kaum dem Wasser entstiegen, da motiviert mich Leigh, ein drittes Mal zu tauchen. Das tue ich, und keine zwei Minuten später verlasse ich das Eis. Ich schwanke wie ein Betrunkener: Brain Freeze. Zum Glück ist der Spuk nach ein paar Sekunden vorbei. Der Tauchgang jedoch ‒ den wird so rasch niemand vergessen. Kälter geht’s kaum. Besser auch nicht. Ab ins Saunazelt.
Das Eis hat mich gelehrt
Physisch habe ich gelernt, die Kälte auszuhalten. Doch mein wahrer Gewinn liegt woanders: Wer die Panik des Körpers im Eiswasser kontrollieren kann, wer drei Minuten ohne Luft verharrt, der kann große Ruhe mit zurück in den hektischen Alltag nehmen. Das Eis hat mich gelehrt, dass meine Grenze nicht dort liegt, wo meine Angst Schreckensbilder hinprojiziert, und auch nicht dort, wo Schmerz beginnt. Sondern sehr viel weiter, als ich je geglaubt habe.
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