Veröffentlichung im Globetrotter-Magazin

Borneo – Familienabenteuer

1. August 2019
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19 Min.
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Kategorien: Alle | Borneo | Publikationen
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Amelie und Smilla bestaunen einen Nashornkäfer, den unser Guide aus dem Gebüsch gefischt hat.
Zusammen mit meiner Frau Annette und unseren Töchtern Amelie und Smilla suchen wir auf Borneo die großen Abenteuer und Entdeckungen abseits der Touristenströme. Und tatsächlich kommen wir wochenlang kaum aus dem Staunen heraus.

Erschienen in:

Größtes Reisemagazin der Schweiz
Titelstory | 10 Seiten | Text & Fotos

Die ersten Gedanken

Meine Frau Annette und ich, Malte, sitzen im Billigflieger von Malakka (Malaysia Halbinsel) nach Miri (Malaysia, Borneo). Neben uns schlafen unsere Töchter Amelie (12) und Smilla (3). Vier Wochen reisten wir durch die gut erschlossene Halbinsel Malaysias und trauen uns jetzt auf das ‘wilde Borneo‘, was ich nur aus den Dokumentationen von Heinrich Harrer kenne. Bilder von undurchdringlichen Dschungeln und giftigen Tieren steigen in uns auf und erfüllen Annette und mich mit Sorge. Vor allem wegen unserer Kinder.

Schon oft mussten wir uns auf den beiden vorigen monatelangen Familienreisen durch Sri Lanka, Thailand, Burma, Laos, Kambodscha, Vietnam den Vorwurf anhören, was wir denn den Kindern Schlimmes zumuten würden. Nun, nicht viel mehr als den Kindern, die dort leben. Der einzige Unterschied ist, das wir öfters den Standort wechseln und die Kinder selbst unterrichten.

Aber Borneo? Annette und ich sind uns unsicher. Haben wir uns nicht zu viel zugemutet? Am Ende der Reise, drei Monate später, haben wir eine Antwort darauf.

Die ersten Schritte

Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt. In Miri schnappen wir uns einen winzigen Mietwagen und kurven zur Niah Cave, die zu den imposantesten Höhlen Borneos zählt und gleichzeitig gut erschlossen ist. Genau richtig für unsere ersten behutsamen Schritte. Die Niah Cave besticht durch große Kammern, in die sich das Tageslicht durch kleine Felslöcher scheinwerferartig hineinzwängt. Das hochfrequente Fiepen und Wimmern, dass man als Tinnitus missdeuten könnte, stammt von Abertausend Fledermäusen, die in den Decken und Wänden ihre Nester behüten.

Halb angewidert, halb belustigt bewegen sich Amelie und Smilla durch die Höhle.

Die Holzplanken, die durch die Höhle führen, sind glitschig vom vielen Fledermauskot. Halb angewidert, halb belustigt bewegen sich Amelie und Smilla durch die Höhle. Ein Höhlenführer berichtet von einer Schlangenart, die in völliger Dunkelheit in großer Höhe an den Höhleneingängen lauert und die Fledermäuse im Flug fängt. Abends vor dem Einschlafen plappern unsere Mädels aufgeregt ohne Punkt und Komma über ihre Erlebnisse. Mit leuchtenden Augen. Also doch: Ein guter Start.

Brunei – im Reich des Sultans

Mit dem Auto fahren wir an der Küste entlang Richtung Norden nach Brunei. Gerade einmal 400.000 Einwohner leben in dem schwerreichen Sultanat. Enorme Erdgasfelder und Erdölvorkommen sichern den Wohlstand des kleinen Landes. In der Hauptstadt Bandar Seri Begawan residiert der seit 1967 herrschende Monarch Sultan Hassanal Bolkiah. Sein gigantischer Palast Istana Nurul Iman ist mit 1.800 Zimmern und einer Wohnfläche von umgerechnet 130 Fußballfeldern der größte Palast weltweit.

Die Hälfte der 46.000 Hauptstadteinwohner lebt im Kampong Ayer – dem größten Stelzendorf der Welt. Die Bewohner haben sich gegen eine Umsiedlung aufs Festland entschieden. Daher wurde mit Hilfe aus der Sultansschatzkiste großzügig modernisiert: Die Pfähle sind jetzt aus Beton, es gibt Strom und fließend Wasser. Stundenland spazieren wir über die Holzbohlen, für die Kinder ein herrliches Terrain für wilde Verfolgungsjagden oder Verstecken spielen.

An vielen Holzhäusern prangen seltsame glatte Schilder in verschiedenen Größen, die sich beim genaueren Hinsehen als getrocknete Pfeilschwanzkrebse entpuppen. Eigentlich sind das aber gar keine Krebse, sondern gehören zu den Spinnentieren. Vertreter dieser Schwertschwänze kamen bereits vor rund 440 Millionen Jahren vor, so dass man die heutigen Formen als lebende Fossilien bezeichnen kann.

Wir empfinden die Bruneier als sehr freundlich, neugierig und offen. Immer wieder begrüßt man uns mit „Hello, welcome to Brunei“. Abends sitzen die Bewohner draußen vor ihren Holzhäuschen, halten ein Schwätzchen mit den Nachbarn oder grüßen die Passanten. Familien mit zwei blonden Mädels scheinen hier nicht allzu oft vorbeizukommen. Und so lassen wir uns nur allzu gerne auf die Neugier der Bruneier ein und plauschen über Herkunft, Berufe und  – natürlich – Fussball! 

Solche Begegnungen laden unseren Mutvorrat auf. Am nächsten Tag spazieren wir im Mega-Stelzendorf einfach mal in eine Schule, die wir am lauten Krakeelen der Kinder ausgemacht haben. Die Türen stehen offen, alle Kinder tragen weiße Uniformen, die Jungs mit Kopiah, einer traditionellen Kopfbedeckung, und die Mädchen mit Schleier. Sofort werden wir herzlich von einem Lehrer in sein geräumiges Klassenzimmer gewunken. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde beobachten wir den Unterricht und staunen nicht schlecht: Die etwa 20 Kinder arbeiten mit englischsprachigen Lehrbüchern, die aufwändig gestaltet und liebevoll angeleitet sind. Sehr geduldig wandert der Lehrer von Tisch zu Tisch, beantwortet Fragen und gibt Lösungstipps. Die Stimmung könnte man als lautstark konzentriert beschreiben.

Den Bruneiern geht es sehr gut. Armut und Kriminalität sind nahezu unbekannt. Alle Bildungseinrichtungen, Ärzte und Krankenhäuser sind kostenfrei. Auch werden keine Steuern erhoben.

Brunei: Gigantomanie pur. Das Empire Hotel erinnert mit seinen Ausmaßen an den Petersdom in Rom.

Königlicher Hochzeitstag

Nach ein paar Tagen Brunei – wir sind mittlerweile anfälliger für Luxus geworden – entdecken wir im Reiseführer ein extra Artikel über das Luxushotel des Sultans. Ein Anlass und damit die Rechtfertigung ist schnell gefunden: Annette und ich haben Hochzeitstag. Nach dem Kassensturz nicken wir uns zu und buchen  ein Last-Minute-Discountwochenende im ‚The Empire‘! Die Kinder jubeln: Endlich ein Palast, in dem sie ihre Prinzessinnenträume ausleben können.

Schon die Anfahrt zum Hotel kündigt Gigantomanie an: Das Hotel hat eine eigene Autobahnausfahrt – auf beiden Seiten! Mehrere Hundert Meter vor dem Hotel der Parkplatz. Mit dem Golfmobil werden wir zur Rezeption chauffiert. Wir können die Ausmaße des Gebäudes kaum erkennen. Es erinnert in Architektur und Größe eher an eine amerikanische Mall. Kein Wunder, der Sultan persönlich war an der Konzeption des Hotels beteiligt.

Es scheint, als haben sich die Gründer ernsthaft vorgenommen, gleich mehrere Guinnessbuchrekorde zu brechen: Der über 11.000 Quadratmeter große Pool war einst der größte Salzwasserpool der Welt. Der Blick von der Lobby umspannt 5 Stockwerke, selbst mit meinem 14mm Weitwinkelobjektiv kann ich diesen Raum nicht einfangen. Die Haupthalle mit ihren monströsen, bis zu 60 Meter hohen Pfeilern aus Carrara-Marmor degradiert die darin befindlichen Menschen zu Ameisen. Und auch der Original Formel-1-Wagen auf einem Podest wirkt wie ein Spielzeug. Annette und mir wird zeitweise schwindelig, die Kinder finden es ‚königlich‘.

Homestay in Kudat

Nach zwei Tagen Prinzessinnenresidenz besteigen wir wieder unser Mietauto und lassen uns – immer an der Küste entlang –  bis in den äußersten Nordosten Borneos treiben. Hier auf der Halbinsel lassen wir uns spontan auf einen sogenannten ‚Homestay‘ ein. Das heißt für uns: wir wohnen für ein paar Tage bei der Familie von Jayantha, seiner Frau und seinen beiden Kindern – und machen alle typischen Tagesaktivitäten mit.

Gleich am nächsten Morgen geht’s in die Mangroven. Die Zikaden zirren ohrenbetäubend laut, es ist weit über 30 Grad Celsius und völlig windstill. Jayantha und Amelie legen eine Krebsfalle aus: Ein Käfig, groß wie ein Brotkorb, wird mit getrocknetem Fisch als Köder bestückt wird ins Wasser geworfen. Ein paar Stunden später kehren wir zurück und tatsächlich: ein Krebs mit 30 Zentimetern Spannweite zappelt im Käfig! Jayantha fackelt nicht lange, reißt dem Krebs mit zwei kräftigen Rucks die Scheren ab und verstaut das Geschöpf in einem Stoffsack. „Very nice meal!“ grinst er mit nach oben gerecktem Daumen. Wir sind ein bisschen geschockt, weil wir den Krebs eigentlich wieder frei lassen wollten.

Namenlose Entdecker-Begeisterung und Dankbarkeit erfüllt mich.

Auf dem Rückweg machen wir an einem dichten Wald halt. „This is our supermarket!“ erklärt Jayantha „but we need no credit card, only this“ und deutet auf seine Machete. Tatsächlich finden die Bewohner Kudats die meisten Lebensmittel in der Natur. Einkaufen müssen sie nur selten. Über 100 endemische Früchte und Pflanzen wachsen in Kudat, darunter ein völlig unscheinbares Pflänzchen namens Bagu. Wir können die vielen grünen Blätter, die Jayanthas Frau wieselflink pflückt und über ihre Schulter ins Körbchen auf ihrem Rücken befördert, nur schwer unterscheiden. Erst, als wir abends die vielen Blätter, neben dem Krebs, auf dem Teller gereicht bekommen, erkennen wir den Unterschied: Bagu ist ein schlichtes sensationelles Geschmackserlebnis. Ich ringe minutenlang mit Ähnlichkeiten und Vergleichen, aber nichts bleibt hängen. Namenlose Entdecker-Begeisterung und Dankbarkeit erfüllt mich.

Am nächsten Tag lädt uns Jayantha zum ‚Easy fishing‘ ein. Er spannt ein etwa 1,50 Meter  hohes und ca. 25 Meter langes Netz durch eine abgelegene Bucht. Wir warten eine Stunde, dann können wir die Fische aus den Netzen picken. Die Mädels zieren sich ein bisschen – verständlich, es ist nicht jedermanns Sache, zappelnde Kleintiere in Sammeleimer zu befördern. Aber wir wollten nun mal alles mitmachen und das hier gehört dazu. Abends landen die leckersten Exemplare wieder auf unseren Tellern.

Nach drei Tagen voller Abwechslungen und Begegnungen verabschieden wir uns. So viel ist sicher: Das wird nicht unser letzter Homestay-Aufenthalt gewesen sein.

Borneos große Pflanzen und Tiere

Weiter geht unsere Reise in Richtung Ostküste, vorbei am höchsten Berg Südostasiens, dem Gunung Kinabalu (4.095 Meter). Am Straßenrand entdecken wir ein schlichtes gekritzeltes Schild: ‚Raflesia here‘. Wir folgen den Wegweisern zu Fuß durch einen Bambuswald und können nach einer halben Stunde die größten Blüte der Welt in Augenschein nehmen. Mit einem Durchmesser von etwa einem Meter liegt uns eine riesige rote Rafflesia mit harten hölzernen Blättern – und unglaublichem Gestank – zu Füßen. Der Geruch lockt Insekten, vorwiegend Fliegen, zur Bestäubung an – und scheucht uns weiter zum nächsten Highlight.

Sie zählen zu den Stars der Tierwelt Borneos: Die Orang Utans. An zwei Orten auf Borneo – einmal hier nahe Sandakan und einmal in der Nähe von Kuching kann man ausgewilderte Orang Utans beobachten. Ein Großteil dieser wieder in der Wildnis lebenden Primaten haben noch eine starke Verbindung zu der Aufzuchtstation, in der sie einst aufgezogen wurden und daher kehren sie regelmäßig wieder dorthin zurück. Während des Sicherheitsbriefings dort bläut man uns ein, dass wir uns im Habitat der Orang Utans befinden – und nicht etwa umgekehrt. Aufgeregt wackeln wir über den Plankenweg, der an mehreren Futterstellen vorbeiführt. Und tatsächlich: wir haben Glück und beobachten ein Weibchen, wie es liebevoll ihr Junges bespielt und liebkost. Hin und wieder drehen sich beide gelassen-neugierig für längere Zeit um und bemustern uns Besucher genau. Mir scheint es, als genießen sie die Aufmerksamkeit, die ihnen zuteil wird.

Plötzlich schießt das Alpha-Tierchen hervor, faucht lautstark und fletscht dabei sein Gebiss.

Unweit von hier treffen wir am nächsten Tag auf eine weitere faszinierende Primatenart: Die Nasenaffen! Sie leben nur hier auf Borneo und können – ähnlich wie die Orang Utans – zu bestimmten Zeiten an Futterplätzen in ihrem Lebensraum angetroffen werden. Und wieder haben wir Glück: In Gruppen von vier bis sechs Exemplare, angeführt von einem Männchen hangeln sich die Nasenaffen zu den Futterplateaus herab und schmausen in Seelenruhe ihre Essensgeschenke auf. Die Kinder kichern, denn zur Kommunikation untereinander scheinen die Affen zu mähen – sie klingen wie eine kleine Schafsherde! Plötzlich schießt das Alpha-Tierchen hervor, faucht lautstark und fletscht dabei sein Gebiss. Die Drohgebärde gilt aber nicht uns, sondern einer anderen Nasenaffenbande, die es ebenfalls auf die Lebensmittelspenden abgesehen haben – und sich jetzt zurückziehen.

Ein Nasenaffen Alpha-Männchen warnt eine andere Gruppe, nicht zu nah heranzukommen.

Mulu

Zurück in Kota Kinabalu aus fliegen wir in einer kleinen Propellermaschine in den Mulu Nationalpark. Die Anreise über Land ist nach wie vor sehr beschwerlich; der Flug dauert gerade mal 35 Minuten. Erst in den 80er Jahren entdeckt man bei Mulu riesige Höhlensysteme im Bergmassiv, deren Ausmaße heute noch nicht vollständig bekannt sind. Jedes Jahr vermessen Höhlenforscher weitere Kilometer an noch unerschlossenen Höhlengängen und es ist noch kein Ende in Sicht.

Touristisch scheint Mulu kaum erschlossen zu sein. Wir mieten uns ein Zimmerchen nahe des Eingangs zum Nationalpark. Zimmerschlüssel gibt es keine, die Bäder kommen ohne fließend Wasser aus. Wer sich reinigen möchte, schöpft mit der Kelle Wasser aus dem Becken und lässt es über seinen Körper fließen oder geht gleich im benachbarten Fluss baden.

Jeden Morgen wandern wir mit Guide Shahrir in den Nationalpark. Er erklärt uns den Dschungel und begleitet uns zu und in den Höhlen. Durch Shahrir lernen wir ‚sehen‘. Zunächst wundern wir uns, wie der Kerl im dichten Gebüsch Insekten ausmacht. Wir haben schon den Verdacht, er habe sie zuvor dort platziert. Aber nach ein paar Tagen können auch wir Insekten und Tiere viel schneller und akkurater erkennen als zuvor. Am einfachsten ist es, auf dem Holzplankenpfad aufmerksam das Geländer zu beobachten. Das wird gerne von Tieren als Autobahn genutzt. Ich fange Raupen, Libellen und Hundertfüßer mit dem Makroobjektiv ein. Überhaupt, das Makroobjektiv! Mein Neuerwerb erschließt für uns die faszinierende Welt des Kleinen.

Und dann dieser Größenkontrast. Noch habe ich die Bilder von feingliedrigen faszinierenden Winzigwesen vor meinem fotografischen Auge, da geleitet uns Shahrir in eine gigantische Kathedrale aus Stein.

Mittlerweile sind hier 222 Kilometer Höhlengänge erforscht, was sie zur achtlängsten Höhle der Welt macht.

Wir können die Dimensionen nicht fassen, da sie weit außerhalb unserer normalen Wahrnehmung liegen. Shahrir lacht, als er unsere maßlos unterschätzten Werte über Höhe und Breite der Höhle hört. „Noooo, this is the Sarawak Chamber, the world’s biggest cave room!”. 600 Meter ist die Sarawak Kammer lang, bis zu 440 Meter breit und 110 Meter hoch! Etwa zwei Millionen Fledermäuse leben hier und entsprechend streng riecht es hier auch. Uns Erwachsenen kommt das geradezu grotesk vor. Und tatsächlich: ‚grotesk‘ stammt vom Wort ‚Grotte‘ ab.

Langsam mutieren wir zu Grottentrottern: Uns gefällt die sportliche Erkundung dieser letzten weißen Flecken auf der geografischen Weltkarte. Je tiefer wir in die Höhlen vordringen, umso dunkler wird es und umso schäbiger verlaufen die Wege. Wie lange halten wir das aus? Irgendwann wird es Smilla trotz Taschenlampenbewaffnung in der totalen Finsternis zu ungemütlich und wir drehen um.

Mit dem Boot tuckern wir über das glasklare Wasser des Melinau River zum Eingang der Clearwater Cave. Mittlerweile sind hier 222 Kilometer Höhlengänge erforscht, was sie zur achtlängsten Höhle der Welt macht. Nur einen Bruchteil davon bekommt der Besucher zu Gesicht. Und das ist gut so, denn das fragile Höhlenklima soll vor allzuviel menschlichem Einfluss geschützt werden. Daher sind alle Höhlen in Mulu nur knapp 4 Stunden täglich zugänglich und beleuchtet. Das künstliche Licht soll die Ausnahme bleiben, da es das Algenwachstum anregt. In der Clearwater Cave gurgelt, strömt und schmatzt es an jeder Ecke, wir staunen darüber, wie sich das Wasser hier seit Millionen Jahren lautstark seinen Weg bahnt.

Nassgeschwitzt vom vielen Klettern wollen auch wir ins kühle Nass. In der Höhle dürfen wir nicht, aber ganz in der Nähe ist ein natürlicher Pool. Außer uns hat niemand den Weg hierher gefunden. Hastig entledigen wir uns bei weit über 30 Grad unserer Kleider und stürzen uns ins kristallklare Wasser. Nur Sekunden später kreischen wir auf. Eiskalt ist’s! Kein Wunder, denn der Pool wird direkt aus der Clearwater Cave gespeist.

Am späten Nachmittag wollen wir Fledermäuse beobachten, wie sie zu Tausenden aus einer Höhle fliegen. Doch daraus wird nichts: Strömender Regen fällt vom Himmel. Dann verharren die Fledermäuse in der Höhle und lassen sich tagelang nicht blicken. Wir wollen die Fledermäuse unbedingt sehen. Das heißt: Warten. Tagelang. Und in der Zwischenzeit was anderes machen.

Am nächsten Tag sieht das Wetter schon wieder besser aus und wir gucken uns den Dschungel von oben an: auf dem Canopy Walkway – dem Baumwipfelpfad. Es braucht schon Überwindung, um in bis zu 45 Meter Höhe über die wackligen, knarrenden Hängebrücken zu gehen. Eine schöne Übung um die Schwindelfreiheit auf die Probe zu stellen. Vor allem Amelie ist dank jahrelanger Abenteuer- Spielplatzerfahrung klar im Vorteil.

Mitten in einer der größten Höhlen der Welt, der Deer Cave in Mulu. Etwa zwei Millionen Fledermäuse leben hier und entsprechend streng riecht es auch. Annette und die Kinder stehen rechts in der geblitzten Lichtung. 

Borneos kleine Tiere

In Borneo ist uns aufgefallen: Es gibt zwei Arten von Tierbeobachtern:

  1. Der Fernseher. Er guckt mit Fernglas in den Baumwipfeln nach großen, seltenen Tieren, die schon längst vor dem Lärm geflüchtet sind.
  2. Die Nahseher: Das sind meistens Kinder! Durch Amelie und Smilla lernen wir, in die Knie zu gehen und nur eine Armeslänge entfernt – oft unter Blättern oder hinter Bäumen versteckt – Faszinierendes zu entdecken.

Dazu gehören Spinnen, die die Krümmung eines nicht mal handtellergroßen Blattes ausnutzen, um darin ihr Nest zu spinnen.

Nach Tagen des Dschungeltrainings mit Shahrir schärfen sich unsere Augen: Amelie entdeckt gar ein Wandelndes Blatt, ein Insekt, welches perfekt an seine Umgebung angepasst ist.

Gleiches gilt für die Stabschrecke, welche von oben betrachtet kaum von einem dünnen Ast zu unterscheiden ist. Shahrir fischt für uns ein Riesenexemplar aus dem Unterholz. Wie sieht er sie nur?

Nur Augenblicke später setzt er Annette eine große Gespenstschrecke auf den Arm. Wir lachen, bleiben aber sprachlos.

Auf dem Holzgeländer des Plankenpfads erspähen wir zahllose exzentrische Geschöpfe, meist Raupen. Manchmal scheint es uns, als

nähmen sie an einer Modenshow mit übertriebenen Outfits teil und wollten um jeden Preis Aufmerksamkeit erheischen.

Wozu wissen, wie all diese seltsamen Geschöpfe heißen? Der Moment des verzückten Staunens allein ist die Belohnung, das Geschenk. Ok, natürlich möchte ich das mit meiner Kamera festhalten, so kann ich das Gefühl des ersten frischen Erlebnisses ein klein wenig konservieren.

Und weiter geht’s: Wie in einem Restaurant serviert uns Shahrir die nächsten Sensationen: Nashornkäfer, Laternenkäfer, Rüsselkäfer und seine Lieblingstiere: Schlangen. Jetzt aber ist Vorsicht angebracht.

Auf einer Nachtwanderung bei der ich Shahrir alleine begleite, macht er plötzlich vor einem Busch halt fischt mit ausgestrecktem Arm ein langes Objekt hervor. Er hält mir sichtlich erregt eine Pit Viper vor die Nase und fragt mich „Where shall I put it for photo?“ Ich deute auf ein breites Blatt. Er dreht sich noch einmal samt Schlange zu mir um, ich weiche etwas zurück und Shahrir erläutert belustigt – mit seinem Zeigefinger keine 20 Zentimeter vom Maul der Schlange entfernt – „Oh, stay away please. When she bites you, you dead!“.

Begegnung mit dem Dschnungel-Punk

Mit meinem neuen Makro-Objektiv kann ich nicht in unserem Guesthouse während der Mittagspause stillsitzen und gehe auf Patrouille im Garten. An einem Busch entdecke ich eine kleine weiße Blüte, groß wie einen Daumennagel und nehme sie ins Visier. Bevor ich abdrücken kann, bewegt sich die Blüte plötzlich aus meinem Sucher heraus! Dann fällt dieses Etwas herunter in ein Erdloch und bleibt – trotz meiner Ausgrabungsversuche verschwunden. Ich spüre unzählige Fragezeichen in meinem Kopf. Was war das? Wochen später finde ich weitere Exemplare auf dem Geländer eines Plankenwegs – und die Erklärung von Shahrir: Das war keine Blüte, sondern ein Planthopper. Auf deutsch: eine junge Spitzkopfzikade, die das Aussehen einer pflanzlichen Blüte nahezu perfekt imitiert. Jetzt fällt es uns schwer, den schon liebgewonnen Spitznamen für diese possierlichen Kerle wieder fallenlassen zu müssen: Dschungelpunk!

Mein Dschungel-Liebling: Der Planthooper, der zur Gruppen der Wanzen gehört. Als ich ihn das erste Mal sah, dachte ich: „Was für eine schöne Blüte.“. Aber plötzlich bewegte er sich weg. Planthooper gerade mal so groß wie ein Daumennagel, sehr flink und daher schwer zu fotografieren. 

Abschlussvorstellung

Und endlich, nach fünf Tagen lässt sich wieder eine Fledermaus blicken –  auf der Veranda unseres Guesthouses, direkt über  unserem Esstisch. Vielleicht können wir heute – kurz vor Einbruch der Dunkelheit – beobachten, wie die Fledermäuse ihre Höhle verlassen. Und tatsächlich: Wir haben Glück, sie schwärmen aus. Bis zu 3,5 Millionen Fledermäuse fliegen aus der Sarawak Chamber, um sich auf Insektenjagd zu machen. Dabei formieren sie sich in bis zu zwanzig aufeinanderfolgenden korkenzieherähnlichen Flugformationen, um die auf sie einstürzenden Falken zu irritieren. Ein letztes Mal geben wir einem namenlos schönen Naturphänomen hin, begleitet von leisen Ooohs und Aaahs. Wir fühlen große Dankbarkeit für diese schöne ‚Abschlussvorstellung‘ am Ende unserer Höhlen- und Dschungelexkursionen in Borneo.

Die Zugabe

Auf der Rückreise von Borneo nach Kuala Lumpur legen wir noch einen Abstecher zum Nationalpark Taman Negara ein. Er ist das grüne Herz Malaysias und mit 130 Millionen Jahren der älteste Regenwald der Erde!

Wir schnappen den Tipp auf, dass man größere Tiere abends bei einem Jackfruit-Baum beim Fressen beobachten kann. Annette lässt sich die Stelle genau erklären und bricht mit den Kindern nach unserem Abendessen dorthin auf. Ich kehre zur Unterkunft zurück, um mich dem Ritual des Sichtens des Foto- und Filmmaterial des Tages zu widmen.

Eine Stunde später kehren meine Mädels völlig aufgekratzt zurück. Annette und Amelie erzählen – sich gegenseitig ins Wort fallend: Die Beobachtungsstelle liegt nur einen Steinwurf vom Parkaufsichtshäuschen am Rande des Waldes entfernt. Außer ihnen hat sich niemand auf den Weg gemacht. Schon von weitem hören sie laute Schmatz- und Grunzgeräusche. Gruselig! Denn es ist schon fast völlig dunkel. Annette nimmt Smilla auf den Arm. Im Schein der auf den Boden gerichteten Taschenlampen nähern sie sich geräuschlos und langsam dem Geschehen. Keiner der drei traut sich, einen Laut von sich zu geben. Annette spürt am Händedruck von Amelie und dem Würgegriff von Smilla an ihrem Hals die steigende Anspannung unserer Mädels.

Etwa drei Meter vom Baum entfernt bleiben sie stehen und richten langsam das Licht auf die Tiere, die die heruntergefallenen Jackfruits lautstark vertilgen. Tapire! Gleich drei Exemplare! Und sie sind deutlich größer als in Annettes Vorstellung. Irritiert vom Lampenschein setzen sich zwei Tapire in Bewegung – und zwar in Annettes Richtung. Amelie fängt an zu wimmern. Annette ringt um innere Ruhe und geht langsam rückwärts. Die Tiere werden schneller, Amelie fängt an zu laufen und auch Annette dreht sich um zur Flucht. Sie rennen den Weg zurück zum Parkaufsichtshäuschen hinunter runter. Smilla schaut entspannt oder geschockt – auf jeden Fall lautlos. Unten angekommen, stoßen sie fast mit einem belustigt wirkenden Parkranger zusammen, der sie zum Schutz ins Häuschen einlädt. Er lacht und sagt, dass sie noch mal Glück gehabt hätten. Die Tiere seien zwar nicht aggressiv und Pflanzenfresser dazu, aber manchmal käme es schon vor, dass sie sich beim Essen gestört fühlten und dann Jagd auf Schaulustige machen. Auch die zwei Tapire haben Stopp gemacht und suchen direkt am Häuschen nach etwas Essbarem. Der Ranger öffnet ein Fenster und so können meine Mädels die Tiere noch ausgiebig beim Suchen, Fressen und Wühlen beobachten.

Dieses kleine Abenteuer wird sich für Jahre bei meinen Mädels einbrennen. Immer wieder, wenn sie nach ihrer spannendsten Tierbegegnung gefragt werden, erzählen sie ihre Tapir-Geschichte.

Reisen mit Kindern

Zum Abschluss des Berichts möchte ich noch ein kleines Plädoyer für das Reisen mit Kindern halten. Dreimal zogen wir als Familie für mehrere Monate durch Asien, zusammengerechnet kommen wir auf über 18 Monate Familienreise. Jede dieser Reisen hat viele Geschichten in unser unsichtbares Familienbuch geschrieben. Die Reisen haben uns zusammengeschweißt wie nichts sonst. Wir empfinden die gemeinsame Reisezeit als beste Investition unseres Lebens. Denn sie ist ein Vielfaches von dem wert, was sie einst gekostet hat. Diese Investitionen sind in tiefe emotionale Erlebnisse geflossen. Und diese Erlebnisse sind nun Teil unserer Persönlichkeit. Das schafft kein Auto, keine Statussymbol. Diese Erlebnisse sind wie eine ‚innere Schatzkiste‘: Null Gramm Gewicht, aber unschätzbaren Wert. Niemand kann sie dir je nehmen, aber du kannst jederzeit daraus schöpfen. Was kann es Schöneres geben?

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