Expedition ins Eismeer

Arktis

1. Januar 2020
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16 Min.
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Cape Mercy, Baffin Island: Ein kräftiges Eisbärmännchen.
An Bord des Forschungsschifs ‚Resolute‘ habe ich mich als Wissenschaftler auf Zeit versucht und bei der Erhebung von Daten mitgeholfen. Die Expedition führte durch die kanadische Arktis bis zu den atemberaubenden Fjorden Grönlands.

Erschienen in:

Deutschlands größtes Naturreise-Magazin
12 Seiten | Text & Fotos

Ein Schiff wird kommen

Was ist sechsmal so groß wie Deutschland, hat aber nur 37.000 Einwohner? Es ist Nunavut, das kanadische Arktisterritorium. Hier kommt ein Mensch auf 60 Quadratkilometer statt 13.930 Menschen wie in Deutschland. Ich blicke auf menschenleeres, baumloses, hügeliges und braunes Terrain, das sich bis zum Horizont erstreckt. Hie und da spiegelt sich die Sonne in vielen namenslosen Seen und Teichen, die wie Flecken auf einer sonst homogenen Fläche hervorblitzen. Ich sitze in einer Propellermaschine mit Ziel Pangnirtung, wo mich ein Expeditionsschiff der Royal Canadian Geographic Society aufnehmen wird. Jetzt liegen nur noch acht Tage Schifffahrt vor mir, die ersten beiden habe ich verpasst, weil ein Sturm meine Anreise buchstäblich verhagelte. „Die letzten beiden Male konnten wir in Pang nicht landen. Dicke Suppe.“, lacht mich mein Sitznachbar Ron an. „Ich hab‘ eine Woche auf diesen Flug gewartet, vielleicht klappt’s heute ja.“ Es klappt. Eine Stunde später erscheint ein winziger Streifen am Rande eines gigantischen Fjords: das Flugfeld von Pangnirtung. Die Sicht ist klar und wir landen.

Pangnirtung ist eine Ansammlung einfacher Gebäude. Geschäfte verkaufen geschnitzte Specksteine und Knochen sowie handgewebte Stoffe. Das kleine Museum zeigt ein traditionelles Sommerzelt aus Robbenhaut, aufwändige Bekleidung aus Robbenfell und traditionelle Walfanginstrumente. Inuit sind und waren stolze Jäger. Fast alle Bewohner Pangnirtungs und deren Vorfahren sind 1962 hierher zwangsumgesiedelt worden und mussten unter Wut und Trauer ihre heimatlichen Jagdgebiete aufgeben. Erst 1999 hat man den Inuit Kanadas eingeschränkte Selbstverwaltungrechte und weitreichendere Befugnisse hinsichtlich Kultur und Tradition eingeräumt, wozu auch Fangquoten für Robben, Karibus und Wale zählen. Die Abhängigkeit von der kanadischen Bundesregierung ist groß, die Inuit werden im hohen Maß subventioniert.

Mit gebührendem Abstand beobachten wir jede Bewegung des Eisbären vom Zodiac aus.

Museumsdirektorin Oleepika zeigt aus dem Fenster in die Bucht: „Dein Schiff ist da.“ Und da liegt sie, die ‚Resolute‘, ein wunderschönes, über 100 Meter langes weißes Schiff. Erbaut wurde sie 1990 in der Rauma Werft in Finnland, fuhr als ‚Hanseatic‘ unter deutscher Flagge und wird nun von One Ocean Expeditions betrieben, einem kanadischen ‚Expedition Cruise Operator‘. Der offizielle ‚Program Coordinator‘ Boris Peresechensky schippert mich mit einem Zodiac, eines der 12 robusten Expeditionsgummiboote, an Bord.

Jetzt – nach 3 Tagen Anreise aus Deutschland – kann es endlich losgehen. Die Exkursion führt um Baffin Island herum über die Davis Strait nach Grönland, um der Spur der Eisberge bis zu ihrer Quelle, den großen Gletschern dort, zu folgen. Zudem werden aktuelle wissenschaftliche Daten mittels Tier- und Pflanzenzählungen sowie Wasserproben erhoben.

Die 160 Personen fassende, eisverstärkte Resolute ist etwas größer und luxuriöser als ein normales polares Expeditionsschiff. Die großzügigen Fenster der an Bug und Heck liegenden ‚Observation Lounges‘ erlauben Panorama-Ausblicke auf die See. Wer vom Stubenhocken genug hat, kann auf den langen Außendecks rund ums Schiff seinen Lieblingsplatz zum Frischluftschnappen finden.

Sprung ins kalte Wasser

Schon am nächsten Tag ist das Achterdeck zum Bersten voll. In einer Bucht am Cape Mercy sind alle Augen, Ferngläser und Teleobjektive auf das größte Landraubtier der Erde gerichtet: den Eisbären. Ein stattliches Eisbärenmännchen tapst etwas unschlüssig einen kargen Felsen herunter, bevor er sich ins Wasser gleiten lässt und kraftvoll um knirschendes Eis herumschwimmt, vielleicht auf der Suche nach einem Robbensnack. Jetzt im Sommer haben sich seine Jagdgründe in Wasser aufgelöst.

Mit gebührendem Abstand beobachten wir jede Bewegung des Eisbären vom Zodiac aus. Franco Marriott, Biologe und Eisbär-Experte an Bord, kommt ins Schwärmen: „Das ist ein ganz gesunder Bursche, der hat sich im Winter ordentlich Speck angefressen. Vereinzelte Männchen bringen sogar bis zu 800 Kilogramm auf die Waage.“ Der Eisbär nimmt Witterung auf schwimmt in unsere Richtung. „Ah, jetzt wird er neugierig. Eisbären sind Super-Langstreckenschwimmer, einer hat mal in neun Tagen 687 Kilometer zurückgelegt, “ Francos Augen leuchten, „aber hier wird er nicht viel zu fressen finden, vielleicht ein paar Blumen, Pflanzen oder Vogeleier. Ihm fehlt halt das Eis zum Robbenjagen, da muss er bis zum Winter warten. Aber das steht er locker durch.“

Die Resolute im Sonderstrom Fjord ankernd.

Nach einer Stunde bläst Expeditionsleiterin Kaylan Worsnoop zum Rückzug. Sie will nicht, dass der Eisbär noch mehr Energie für seine Neugier verbraucht. Ich quetsche Franco weiter aus und der Mann mit italienischen Wurzeln ist kaum zu bremsen: „Der Eisbär ist eine faszinierende Spezies. Er ist ausdauernd. Stell‘ Dir mal vor, Du würdest im Winter 3.000 Kilometer auf dem Eis und im Wasser zurücklegen, was Dich aber bis zu 2 Kilo Fettreserven pro Tag kostet. Der Eisbär ist sensitiv, sein Geruchssinn ist unglaublich. Er kann auf dem Eis Robben aus einer Entfernung von 13 Kilometern riechen und die unter einer Eisschicht versteckten Robbenbabies noch aus 2,5 Kilometern. Robben sind auch seine Leibspeise, 80 bis 85% seiner Nahrung besteht aus Ringelrobben. Und er ist sehr anpassungsfähig. Falls keine Robben da sein sollten, jagt er einfach was anderes – auch Menschen. So hat er als Quereinsteiger echt Karriere gemacht: ein Landtier ist jetzt an der Spitze der maritimen Nahrungskette.“

In Kanada leben etwa 15.000 Eisbären, das sind etwa 60% der weltweit geschätzten 26.000 Exemplare. Die nördlichen Populationen gelten als stabil, aber die südlichen wackeln. Denn hier im wärmeren Süden müssen die Eisbären länger auf die Rückkehr des Winters warten. Das hat Folgen. So hat sich die Körpermasse der wesentlich leichteren weiblichen Eisbären in der westlichen Hudson Bay von 1980 bis 2007 von 287 Kilogramm auf 237 Kilogramm reduziert – das entspricht einer Abnahme von 17%. Bessere Nachrichten kamen Anfang Juli dieses Jahrs aus Nordnorwegen. Auf Spitzbergen sind die wichtigen und altersunabhängigen Gesundheitsparameter zu Körperdimensionen und Fettgewebe bei den männlichen Eisbären seit über 25 Jahren unverändert stabil.

Keine Wolke in der Sunshine Bay

Die Resolute fährt weiter entlang der rauhen Küste gen Norden. Seit Pangnirtung haben wir keine menschliche Siedlung, kein Schiff mehr gesichtet, was bis Grönland so bleiben wird. In der Sunshine Bay ankern wir für einen Landgang zu einer Anhöhe. Mein Blick verliert sich auf der Suche nach einem Anhaltspunkt in den Weiten von Baffin Island und dem Arktischen Ozean. Zurück auf dem Zodiac am Strand, erblicke ich im glatten Wasser dunkelbraune Blättchen, die sich eigentümlich in der Strömung wiegen. Dann sehe ich, dass sie sanft flattern. Es sind Lebewesen, Thecosomata, auch Seeschmetterlinge genannt. Diese zarten und atemberaubenden Kreaturen sind ein Anzeichen für den Säurehaushalt des Wassers. Etwa ein Viertel des Kohlendioxids, das in die Atmosphäre abgegeben wird, löst sich in den Weltmeeren auf, was das Meerwasser sauer macht – ein Prozess, der Ozeanversauerung genannt wird. Es wurde beobachtet, dass sich die Schalen der Seeschmetterlinge dadurch verdünnen und sogar ganz auflösen können. Hier allerdings erscheinen sie mir gesund und munter.

Unweit der Sunshine Bay passieren wir die ersten stattlichen Eisberge, manche wie schwimmende Kathedralen, pompös, bläulich grünlich schimmernd, einige davon wahre Kunstwerke, die den empfindsamen Betrachter mit Demut erfüllen. Einige haben abgerundete Oberflächen, die darauf hindeuten, dass das Wasser ihre Unterseiten abgenutzt hat, bis sie kopflastig wurden und umgestürzt sind, wie es immer wieder vorkommen kann, wenn sie nach Süden treiben. Manchmal können permanente Wellen vorhandene Risse im Eisberg derart abnutzen, dass dadurch große Löcher oder Eisbögen geformt werden.

Manchmal kann dieses ‚Public Viewing Grönland Style‘ lebensgefährlich werden.

Ostwärts nach Grönland

Als wir über die Davis Strait in Richtung Grönland aufbrechen, hören die Eisbergsichtungen auf. Die von der Strömung getragenen Berge folgen meist der Küste. Während die Resolute über die offene See fährt und den Polarkreis überquert, verbringen die Gäste ihre Zeit mit Besuchern von Präsentationen über Robben, Vorträgen von Inuit-Guides und Lektionen über den Schiffsbetrieb – gehalten vom Kapitän Hans Söderholm selbst. Die Brücke ist 24 Stunden am Tag für Gäste geöffnet.

Auf einem schmalen Fjord in der Disko Bucht muss das Schiff durch eine zunehmende Anzahl von kleineren Eisbergen navigieren, um zu deren Ursprung zu gelangen, dem Equip Sermia Gletscher. Mit respektvollem Abstand ankern wir vor der über zwei Kilometer breiten Wand aus zerklüftetem Weiß. Es ist eine sehr abstrakte und irritierende Welt, die der Besucher hier in Augenschein nimmt. Es gibt keinerlei Vergleichsgrößen, anhand derer man die Dimensionen dieser Giganten einschätzen könnte.

Qeqertarsuaq ist die erste Station auf grönländischem Boden, ein gepflegtes Fischerdörfchen mit bunten Häusern, deren Farbe einst auf den darin wohnenden Berufsstand schließen ließ. So wohnten Jäger in grünen Häusern, Fischer in blauen und Ordnungshüter in schwarzen. Überall erklingt das Heulen von Schlittenhunden. An der Wasserfront sind Bänke und Gartenstühle zum Bestaunen der Eisberge aufgestellt, die hier wie in einer Prozession aufgereiht auf ihrem langen Weg nach Kanada vorbeiziehen. Manchmal kann dieses ‚Public Viewing Grönland Style‘ lebensgefährlich werden. Wenn die Eisberge umkippen oder sich auflösen, können sie verheerende Wellen verursachen, so wie im Juli 2018 in Innaarsiut, als ein 100 Meter hoher und etwa 10 Millionen Tonnen schwerer Eisberg der Grund für eine Evakuierung war.

Wunderschöne Eisformen im Fjord von Illulisat.

Klein aber oho

Weiter südlich bestaunen wir dank der Zodiacs aus nächster Nähe eine mehrere Hundert Meter lange Klippe aus schlanken sechseckigen Basaltsäulen, die von geologischen Kräften gedehnt, gebogen und verwirbelt wurden. Das ist auch einer der Plätze, an dem Eric Solomon, Arktis-Programmdirektor von Ocean Wise, einer kanadischen Nichtregierungsorganisation für Meeresgesundheit, eine seiner vielen Wasserproben während der Expedition entnimmt. „Ich messe hier Temperatur, Leitungsfähigkeit, Salzgehalt und die Mikroplastikverschmutzung und vergleiche die Daten mit früheren Erhebungen. Dank One Ocean Expeditions können wir in regelmäßigen Abständen an vielen gleichen Plätzen Proben entnehmen, ein großes geografisches Terrain abdecken und wichtige Entwicklungen darin erkennen.“

Mittlerweile sitzen wir in One Ocean’s mobilem Labor, einem Halbcontainer, der auf dem siebten Deck montiert ist. Was sieht er denn als größte Herausforderung seiner Arbeit? „Plastik.“ sagt er, „Vor allem Mikroplastik. Plastik ist nicht biologisch abbaubar, löst sich nicht gänzlich auf, es zerbricht durch physische Einwirkung oder Sonnenlicht UV-Licht in immer kleinere Stücke. Plastik wird nicht nur von Fischen und Vögeln mit Nahrung verwechselt und gefressen, sondern auch von Kleinstlebewesen wie Zooplankton.“ Eric zeigt mir eine Folie seiner Präsentation: „Das hier ist Neocalanus cristatus, ein kleiner Shrimp ähnlicher Zooplankton. In einer von unseren Forschern durchgeführten Studie hatte jeder Achtunddreißigste von ihnen Mikroplastik verschluckt. Bei der fast dreimal so großen Euphausia pacifica hatte sogar jeder Siebzehnte Mikroplastik im Körper.“ Wie kommt Plastik überhaupt in den Ozean, möchte ich wissen. „Durch das Waschen von Kleidung, schlechte Abfallwirtschaft in Entwicklungsländern und durch Rückstände aus der Fischereiwirtschaft, z.B. verlorene Netze. 91% der mikroplastischen Partikel, die wir in der Arktis gefunden haben, sind Fasern. Wir analysieren diese Fasern mit einem FTIR-Spektrometer, das die chemische Signatur jeder einzelnen Faser genau identifiziert. Die Mehrheit der Mikrofasern in der Arktis, 73%, sind Polyester. Das sagt uns, dass sie mit ziemlicher Sicherheit aus Kleidung stammen. Fleece ist dabei besonders schlimm. Ein Fleece-Sweatshirt kann bis zu 8.000 Mikrofasern pro Waschgang freisetzen.“ Und was kann man dagegen tun? „Weniger Plastik verwenden!“ lacht Eric mich an. „Wahrscheinlich kannst Du’s schon nicht mehr hören, aber es fängt bei uns allen an. 

Wegschmeißen bedeutet nur, dass es aus unseren Augen verschwindet – ‚weg‘ ist immer ein Ort.

Ich empfehle drei einfache Dinge. Erstens: Wähle mit Deiner Geldbörse und ersetze Plastik durch Alternativen. Ich habe immer Bambusbesteck dabei, wenn ich fliege, damit ich das Plastikbesteck im Flugzeug nicht benutzen muss. Zweitens: Lass politische Vertreter und die Industrie wissen, was Deiner Meinung nach wichtig ist – schreibe Blogposts, Emails, Briefe. Und drittens: Nimm an Aktionen teil, die einen Unterschied machen können. Zum Beispiel was unsere Gäste hier machen. Sie entnehmen Proben, untersuchen sie unter dem Mikroskop, erwerben Know-how, werden so Teil der arktischen Mikroplastikforschung und dienen damit als Multiplikator einer guten Sache.“ Erics Enthusiasmus ist ansteckend. „Wir müssen uns klar machen: Jedes Stück Plastik was hergestellt wurde, existiert noch immer irgendwo. Wegschmeißen bedeutet nur, dass es aus unseren Augen verschwindet – ‚weg‘ ist immer ein Ort.“

Eric Solomon von Ocean Wise im Schiffslabor bei der Sichtung der Wasserproben.

Eine spektakuläre Eisberg-Fabrik

Nichts in Illulisat deutet auf das atemberaubende Naturphänomen hin, was sich in dessen Bucht seit ewiger Zeit abspielt. Nach einem kurzen Spaziergang vom Hafen durch das Städtchen gelangt man auf einen Bretterpfad, der von Moosen, Gräsern und kniehohen Weiden gesäumt wird. Dann geben die umliegenden Felsen den Blick frei auf eine Wildnis aus unebenem, stöhnendem Eis, die sich über Kilometer entlang der Küste erstreckt: Den Illulisat Eisfjord.

Der stundenlange Spaziergang, allein, mit einem nicht enden wollendem Panorama auf knackende Eistürme und -felsen, von Wolken durchsetztem Sonnenlicht beschienen, ist für viele das Highlight der Expedition.

Vermutet wird, dass hier einst der Eisberg vorbeigezogen ist, der 1912 die Titanic versenkt hat. Sicher dagegen ist, dass alle Eisberge vom Sermeq Kujalleq Gletscher stammen, besser bekannt als Jakobshavn Gletscher. Er ist einer der wenigen Orte, an denen das Eis der gigantischen grönländischen Eiskappe ins Meer gelangt. Der Gletscher selbst ist in Illulisat nicht zu sehen – die Kalbungsfront liegt weit über 50 Kilometer entfernt. Mit einer Geschwindigkeit von 40 Metern pro Tag ist er der schnellste Gletscher der Welt. Trotzdem zieht sich der Gletscher insgesamt zurück. Schuld daran ist die Erderwärmung. Von 1851 bis heute waren es 37 km, davon seit 2001 11,5 km. Das sind grob gerechnet 1,75 Meter pro Tag. Diese Daten erscheinen paradox, wenn man bedenkt, dass dieser Gletscher allein jedes Jahr 10% aller grönländischen Eisberge produziert. Mit über 1.500 neuen Eisbergen bzw. 46 Kubikkilometer Eisfabrikation avanciert er damit zum produktivsten Gletscher außerhalb der Antarktis.

Vermutet wird, dass hier einst der Eisberg vorbeigezogen ist, der 1912 die Titanic versenkt hat.

Die Jakobshavn Gletscherwand ist unglaubliche 15 km breit, sie erhebt sich 80 bis 100 m über der Wasserlinie und reicht mehr als 1.000 m tief. Eisberge, die hier abgekalbt werden, treiben den Fjord hinunter bis sie auf der Höhe von Illulisat von einer 250 Meter Unterwasser liegenden Moräne gestoppt werden. Daher bildet sich hier ein riesiger Stau aus Eisbergen. Erst wenn sie schlank schmelzen oder von nachfolgenden Eisbergen über die natürliche Barriere geschubst werden, können sie ins offene Meer gelangen. Bei größeren dauert dies bis zu zwei Jahren. Aufgrund der Einzigartigkeit dieses Gletschers und seines natürlichen Staudamms wurde das Gebiet zum UNESCO Weltnaturerbe erklärt.

Walbekanntschaften

Dank der Zodiacs an Bord können wir uns die Eisberge näher anschauen. Ich habe bei manchen gar nicht das Gefühl, dass ein Eisberg vor uns schwimmt, sondern dass wir an einem eisbedeckten Gebirge vorbeifahren. Auch wenn man schon tausende Fotos von Eisbergen gesehen hat, ihre schiere Schönheit ist überwältigend. Überall Eis – manches bis zu 200 Meter hoch – Spitzen, Blöcke, Furchen, abgerissene Kanten, aus denen Türkisblau schimmert, gewölbte Oberflächen und dazwischen immer wieder Seevögel. Als ob das nicht genug wäre, plötzlich vor uns Prusten, Schnauben, zwei Wasserfontänen: Buckelwale! Sie sind zum Luftholen aufgetaucht, ihr Atemdunst, ein Geruch aus Kohl und Fisch, verbreitet sich durch die Luft. Die beiden Wale schwimmen abwechselnd über und unter Wasser, wobei ihre kleine Rückenfinne zu erkennen ist. Einmal dreht sich der Größere um die Längsachse, seine Brustflosse klatscht auf das Wasser. Zur Vorbereitung ihres Abtauchens bilden sie einen Buckel, daher stammt auch der Name. Dann lüften sie ihre große Schwanzflosse vollständig und tauchen ab, bevor sie Minuten später an einer anderen Stelle wieder erscheinen und das Spektakel erneut beginnt. Irgendwann schmerzt das Bildermachen, ich blicke auf meine blauen Hände – beim Fotografieren trage ich keine Handschuhe – und spüre, wie die Kälte in meine Glieder kriecht. Nach zwei Stunden kehren wir glücklich und erfüllt zum Schiff zurück.

Die große Schwanzfluke der Buckelwale ist eingekerbt und hat an der Unterseite eine für jeden Wal einmalige Pigmentierung. Das ist der Fingerabdruck der Buckelwale. Dadurch können Experten tausende von Buckelwalen unterscheiden und wiedererkennen.

Die Vogelzählerin

Nach einem Zwischenstopp im Fischerdorf Sisimuit, das nur zu Wasser oder aus der Luft erreichbar ist, führt uns die Resolute den Sonderstrom Fjord hinauf nach Kangerlussuaq. Ich besuche die Brücke und komme dort mit einer Frau, bewaffnet mit Headset, Feldstecher und Computer, ins Gespräch. Carina Gjerdrum ist Seevogel-Biologin beim Canadian Wildlife Service, einer Naturschutzabteilung der kanadischen Regierung. „Ich bin sowas wie ein trampender Wissenschaftler und führe Vogelzählungen auf Segelschiffen, Küstenwachschiffen, Containerschiffe oder wie hier auf Expeditionsschiffen durch. Für unser Programm ECSAS (übersetzt: Ostkanadische Seevögel auf See) zähle ich alles, was nistet, brütet oder fliegt. Seit Abfahrt in Kanada habe ich schon 24 Arten zusammen, am häufigsten die Dreizehenmöwe, Eismöwe, Eissturmvogel, Gryllteiste und die Dickschnabellumme, die bis zu 100 Meter tief taucht. Vorgestern habe ich auch den schnellsten Vogel unseres Planeten erblickt – den Wanderfalken.“ Ich möchte wissen, wofür die Daten verwendet werden. „Nun, es gibt eine Reihe von Fragen, auf die wir Antworten finden wollen: Warum sind die Vögel dort, wo sie sind? Haben sich die Populationen zahlenmäßig verändert? Gibt es jahreszeitliche Einflussfaktoren? Warum? Und wenn ja, was kann uns das über die Zukunft sagen? Wenn es Bedrohungen für Seevögel gibt, wollen wir diese verstehen und Gegenmaßnahmen einleiten. Beispielsweise haben wir nachgewiesen, dass in Ostkanada zunehmender Schiffsverkehr mehr Ölunfälle verursacht und intensivere Fischerei zu mehr Beifang von Seevögeln führt – beides Ursachen für abnehmende Populationen. Hier machen wir uns für Seevögel stark und initiieren Studien, Pressearbeit und Petitionen für Schutzgebiete. Das kann Jahre dauern, aber es lohnt sich. Was Kollegen von mir noch festgestellt haben: Bei 100% der untersuchten Eissturmvögel fanden sie Plastik im Magen. Jetzt wollen wir wissen: Leiden die Vögel? Was sind weitere Auswirkungen? Hier werden wir weiter unseren Beitrag zur Ozeangesundheit leisten und noch viel zu lernen haben.“

Warum sind wir so anfällig für den Charme dieser Landschaften, wenn sie so leer und erschreckend sind?

Ach, du dickes Eis

Von Kangerlussuaq werden wir mit Bussen an die ultimative Quelle aller Gletscher gefahren, ein leicht gekrümmter, breiter, grau-weißer Streifen am Horizont, der die Landschaft mit Schmelzwasserströmen versorgt und die Meere mit Eisbergen: Das grönländische Inlandeis. Auf der nördlichen Hemisphäre ist dieses Eis der einzige Überrest der letzten Eiszeit. Das älteste Eis wird auf eine Million Jahre geschätzt und liefert Wissenschaftlern detaillierte Informationen über historische Klimaveränderungen und Wetterbedingungen. Die Fläche der Eiskappe ist fünfmal so groß wie Deutschland, im Mittel ist das Eis mehr als 1,5 km dick; stellenweise beträgt die Mächtigkeit mehr als 3 Kilometer. Eine vollständige Schmelze würde die Weltmeere um 7 Metern ansteigen lassen. Die tatsächliche Schmelze beträgt 273 Milliarden Tonnen pro Jahr – das ist dreimal so viel wie 1996. Zum Vergleich: Im Bodensee fließen knapp 50 Milliarden Tonnen Wasser. Und das Eisschild Grönlands schwindet immer schneller. Insgesamt führte die Schmelze seit 1972 zu einem Anstieg des Meeresspiegels um 1,37 Zentimeter, die Hälfte davon in den letzten 8 Jahren. Beim momentanen Tempo des Eisschwunds würde es fast 9.000 Jahre dauern, bis die Eiskappe vollständig verschwunden ist. Das letzte Mal, als die Arktis über einen längeren Zeitraum deutlich wärmer war, führte die Eisschmelze zu einem Meeresspiegelanstieg von etwa 5 Metern. Das war allerdings vor 125.000 Jahren. Doch die Kette der Ursachen dafür, belegt durch Befunde aus historischen Eiszeiten, ist auch 2019 gültig: CO2-Anstieg führt zu Temperatur-Anstieg führt zu Eis-Schmelze führt zu Meeresspiegelanstieg. Und ganz einfach gesprochen: Nur wenn es gelingt, die Kohlendioxidemissionen zu minimieren, kann die globale Erwärmung und ihre Auswirkungen begrenzt werden.

1905 schrieb der französische Polarforscher Jean-Baptiste Charcot: „Warum sind wir so anfällig für den Charme dieser Landschaften, wenn sie so leer und erschreckend sind?“ Die Anziehungskraft des Eises ist ungebrochen. Und wer diese letzten wilden Grenzen auf dem Planeten erlebt, der kann nicht anders, als sich für sie einzusetzen.

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